Burnout: So hilft die Psychotherapie

Frau steht im Schatten an Wand

Wer tief im Burnout steckt, dem kann eine gezielte Psychotherapie weiterhelfen. Zum Beispiel, um die eigene Leistungsfähigkeit besser einschätzen und um zukünftige Anforderungen an sich selbst realistischer stellen zu können.

Im fortgeschrittenen Stadium vergeht ein Burnout-Syndrom nicht „einfach“ wieder. Doch leider bemerken Betroffene häufig erst dann, dass etwas nicht in Ordnung ist. Was nicht ungewöhnlich ist, denn meist entwickeln sich die Symptome sehr langsam und werden deshalb auch oft nicht rechtzeitig als Krankheit erkannt.

Betoffene, die bereits in einem fortgeschrittenen Burnout-Prozess stecken, sollten sich in einer gezielten Psychotherapie behandeln lassen. Zum Beispiel, um die eigene Leistungsfähigkeit besser einschätzen und um zukünftige Anforderungen an sich selbst realistischer stellen zu können. Auf diese Weise kann die Gefahr verringert werden, sich auch künftig selbst zu überfordern. Eine psychotherapeutische Behandlung ist auch deshalb sinnvoll, weil nicht nur die Symptome, sondern vor allem die Ursachen der Erkrankung behandelt werden können – was Grundvoraussetzung für eine Heilung ist.

Wer bei einer gesetzlichen Krankenkasse versichert ist und sich zu einer Therapie entschließt, sollte bei der Wahl der Psychotherapeut:in unbedingt darauf achten, dass sie über eine Kassenzulassung verfügen. Ansonsten kann es passieren, dass die Kasse die Kosten nicht trägt. Die Regelungen bei privaten Versicherungen sind nicht einheitlich und sollten deshalb bei der jeweiligen Versicherung erfragt werden.

Sind Therapien hilfreich?

Die Psychotherapie ist als Behandlungsmethode nicht unumstritten. Kritiker:innen stellen immer wieder die Nützlichkeit der Behandlung infrage. Ihre Hauptkritikpunkte? Eine Psychotherapie:

  • würde zu lange dauern,
  • sei nicht effektiv,
  • sei nicht wirtschaftlich,
  • sei der schnelleren und billigeren Behandlung mit Psychopharmaka unterlegen,
  • mache die Patient:innen unselbstständig und abhängig,
  • mache alles nur noch schlimmer,
  • bewirke überhaupt nichts Positives.

Sicherlich hilft nicht jedem jede Behandlung in jeder Situation, die als Psychotherapie bezeichnet wird. Auch gibt es zweifellos unter den Psychotherapeut:innen „schwarze Schafe“. Aber natürlich gibt es auch sehr viele Menschen, denen eine Psychotherapie dabei geholfen hat, ihre Krankheit in den Griff zu bekommen oder geheilt zu werden.

In sieben Schritten zur erfolgreichen Psychotherapie

Das Angebot an Therapien für Burnout-Erkrankte ist enorm: Psycholog:innen, Physio- und Psychotherapeut:innen, Ärzt:innen, Anti-Stress-Trainer:innen und Wellness-Gurus haben den Burnout-Markt für sich entdeckt. Nicht immer ist es leicht, die Spreu vom Weizen zu trennen.

Wir sind der Wandel-NewsletterBei einem schweren Burnout empfehlen Mediziner:innen immer eine Psychotherapie. In jedem Fall ist die Burnout-Psychotherapie ein Prozess, der sich über ein halbes bis anderthalb Jahre hinziehen kann. Wie bereits erwähnt, zahlen die gesetzlichen Krankenkassen eine Psychotherapie nur bei approbierten Ärztlichen oder Psychologischen Psychotherapeut:innen, private Krankenversicherungen teilweise auch bei Heilpraktiker:innen. Sind Betroffene sich nicht sicher, ob sie eine Psychotherapie benötigen oder möchten eine zweite Meinung einholen, können sie öffentliche Beratungsstellen aufsuchen. Einige dieser Stellen verfügen auch über Adressen von Therapeut:innen.

Erster Schritt: Gut vorbereiten
Betroffene sollten sich vor dem ersten Telefonat mit Therapeut:innen Notizen darüber, was sie wissen möchten:

  • Haben die Therapeut:innen die gesetzlichen Voraussetzungen zur Ausübung ihres Berufes erfüllt? Tragen sie also die Bezeichnung Psychologischer Psychotherapeut:in, Ärztlicher Psychotherapeut:in oder Kinder- und Jugendtherapeut:in?
  • Nach welcher Methode arbeiten die Therapeut:innen?
  • Haben sie das Gefühl, dass diese Methode gut für sie ist? Verfügen die Therapeut:innen über Erfahrungen bezüglich des Problems?

Dabei sollten Betroffene auch auf ihr Bauchgefühl hören. Fühlen sie sich ausreichend informiert und respektvoll behandelt? Nur wenn man einen positiven Eindruck hat, sollte man ein persönliches Treffen vereinbaren.

Zweiter Schritt: Persönliches Kennenlernen
Bei dem ersten Treffen muss man nicht sofort alles auf den Tisch legen. Man sollte den Therapeut:innen sagen, was man sich von der Therapie wünscht. Und wer Bedenken hat, sollte diese auch unbedingt äußern.

Dritter Schritt: Eine Nacht darüber schlagen
Bevor Betroffene einen weiteren Termin vereinbaren, sollten sie eine Nacht darüber schlafen, um das erste Gespräch verarbeiten zu können. Außerdem müssen sie sich erst nach fünf Sitzungen für den bzw. die Therapeut:in entscheiden. Diese Möglichkeit sollte man für sich nutzen.

Vierter Schritt: Therapeut:innen prüfen
Bevor man sich endgültig entscheidet, sollten man folgende Fragen mit „Ja“ beantworten können:

  • Fühlt man sich ernst genommen?
  • Nimmt die bzw. der Therapeut:in die Probleme ernst?
  • Kann man alles sagen, ohne zurechtgewiesen zu werden?
  • Hat die bzw. der Therapeut:in den Freiraum eingeräumt, sich auch gegen die Therapie entscheiden zu können?
  • Lässt sich die Therapie problemlos in den Alltag integrieren?

Fünfter Schritt: „Status quo“ klären
Am Anfang der Therapie sollten Therapeut:innen mit Betroffenen ein langes Gespräch führen, um überhaupt eine Diagnose stellen zu können:

  • Leiden Sie wirklich unter einem Burnout?
  • Falls ja, in welcher Phase befinden Sie sich?
  • Ist ein deutlicher Leidensdruck vorhanden?
  • Haben Sie körperliche Beschwerden?

Sechster Schritt: Krankheitsvorgeschichte einbeziehen
Wichtig ist auch, die Krankheitsvorgeschichte einzubeziehen. Dabei sollten die charakteristischen Züge ebenso Thema sein wie die beruflichen Erwartungen und die persönlichen Methoden, Stress zu verarbeiten. Ebenso muss der Arbeitsplatz einbezogen werden: Kann man die typischen Stressauslöser benennen? Fühlt man sich von Zielvereinbarungen, Weiterbildungsnotwendigkeiten oder bürokratischen Hindernissen belastet? Wie hat sich das Burnout-Syndrom im Laufe der Berufstätigkeit entwickelt?

Siebter Schritt: Verhaltenstipps
Auf Verhaltenstipps sollte in der Therapie nicht verzichtet werden. Diese Tipps müssen jedoch mit dem Betroffenen zusammen erarbeitet und nicht vom Therapeuten vorgegeben werden:

  • Wie findet man einen erholsamen Schlaf?
  • Wie kann man sich gegenüber dem Unternehmen besser durchsetzen?

Betroffene sollten sich klarmachen, wo ihre Grenzen sind, was sie von ihrem Job erwarten. Von einem großen Therapieerfolg kann man sprechen, wenn sie dieses Ziel erreicht haben.

Sabine Hockling

Seit vielen Jahren ist die Journalistin und SPIEGEL-Bestsellerautorin mit ihrem Redaktionsbüro Die Ratgeber u.a. für die Medien ZEIT ONLINE, ZEIT Spezial, SPIEGEL ONLINE tätig. Ihre Themen reichen dabei von Arbeitsrecht, Digitalisierung bis zu Management und Transformation. Als Autorin, Herausgeberin und Ghostwriterin veröffentlicht sie regelmäßig Sachbücher.