Körperlich fit, mental am Limit: Mehr als die Hälfte der Studierenden leidet unter psychischem Druck. Warum Leistungsfähigkeit Überforderung nicht verhindert.
Mehr als die Hälfte der Studierenden in Österreich und Deutschland kämpft mit mentalen Problemen im Alltag. Das zeigt das „Mental-Health-Barometer 2025“. 56,7 Prozent gaben an, sich in den Tagen vor der Befragung schlecht oder weniger gut gefühlt zu haben – ein Höchstwert seit Beginn der Erhebung 2021. 51,6 Prozent bewerten ihren allgemeinen mentalen Zustand als schlecht oder weniger gut. Die Zahlen belegen, was lange ignoriert wurde: Die mentale Gesundheit der Studierenden verschlechtert sich stetig, obwohl äußere Rahmenbedingungen stabil oder sogar positiv erscheinen.
Gleichzeitig berichten 69,8 Prozent von einer guten bis ausgezeichneten Lebensqualität. Dieser Widerspruch offenbart ein strukturelles Problem: Lebensqualität basiert nicht mehr auf innerer Stabilität, sondern auf äußerer Funktionalität. Studierende funktionieren, fühlen sich aber schlecht. Die Studie zeigt: Je schlechter die mentale Gesundheit, desto geringer die Lebensqualität. Mentale Gesundheit ist kein „weicher“ Faktor – sie bildet das Fundament der Lebensqualität.
Körperlich fit, mental erschöpft
Die Diskrepanz zwischen körperlicher und mentaler Gesundheit ist frappierend. Während 34,7 Prozent ihre körperliche Gesundheit als sehr gut oder ausgezeichnet bewerten, tun dies nur 15,5 Prozent für ihre mentale Verfassung. Über die Hälfte fühlt sich mental angeschlagen, aber nur ein Vierteil körperlich. Die Hochschulen fördern offenbar leistungsfähige Körper, aber überlasten die Köpfe.
Das Bewusstsein für das Problem ist da: 71,4 Prozent der Studierenden messen mentaler und körperlicher Gesundheit denselben Stellenwert bei. Doch 60,9 Prozent sehen mentale Gesundheit weiterhin als Tabuthema. Zwar nimmt die Offenheit seit 2021 zu, doch die Mehrheit spricht noch immer nicht selbstverständlich darüber.
Zeit für mentale Gesundheit bleibt knapp
Zwei Drittel der Studierenden achten bewusst auf ihre mentale Gesundheit – doch meist bleibt es bei Lippenbekenntnissen. 67,9 Prozent investieren höchstens eine Stunde pro Woche dafür. Für körperliche Fitness und soziale Kontakte nehmen sich fast die Hälfte zwei bis fünf Stunden Zeit. Mentale Gesundheit wird gedanklich aufgewertet, praktisch aber vernachlässigt.
Gleichzeitig wächst der Druck. 67,1 Prozent fühlen sich durch ihr Studium stark gestresst. Hauptursachen sind Überforderung und Arbeitsaufwand (57,1 Prozent), Prüfungen (42,5 Prozent) und psychische Probleme (35,7 Prozent). Stress verschlechtert die mentale Gesundheit und mindert die Lebensqualität. Auffällig: Nebenjobs erhöhen den Stress nicht. Es ist die Studienstruktur selbst, die überfordert.
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Globale Krisen belasten zusätzlich
Auch äußere Faktoren setzen den Studierenden zu. 56,4 Prozent fühlen sich durch weltweite Ereignisse mental belastet, ein Drittel sieht dadurch sogar die Studienleistung beeinträchtigt. Je stärker diese Belastung, desto schlechter bewerten sie ihre mentale Gesundheit und Lebensqualität. Die globale Dauerkrise dringt tief ins persönliche Erleben ein.
Frauen sind besonders betroffen. Sie bewerten ihre mentale und körperliche Gesundheit schlechter, fühlen sich stärker gestresst und weniger sicher am Campus. Gleichzeitig suchen sie häufiger Unterstützung. Sie machen die Belastung sichtbar, während andere sie still ertragen.
Hilfe bleibt schwer zugänglich
Die Studie zeigt klar, was Studierende brauchen: 86,3 Prozent wünschen sich professionelle Unterstützung bei mentalen Problemen. Doch nur 47,7 Prozent halten es für wahrscheinlich, diese auch zu nutzen. Zwischen Wunsch und Realität klafft eine Lücke.
Die Gründe liegen auf der Hand. Studierende nennen Vertrauenswürdigkeit (54,2 Prozent), Professionalität (47,4 Prozent) und schnelle Verfügbarkeit (40,9 Prozent) als entscheidend. Auch die Kosten spielen eine Rolle: Wäre psychologische Hilfe kostenlos, würden 73,4 Prozent sie in Anspruch nehmen. Der Bedarf ist da, die Zugänglichkeit fehlt.
Derzeit helfen sich viele selbst: 46,7 Prozent recherchieren im Internet, nutzen Apps oder informelle Strategien. Fast 30 Prozent haben noch nie ein Unterstützungsangebot genutzt. Das viel beschworene „Durchhalten“ ist keine Resilienz, sondern ein Zeichen fehlender Strukturen.
Mentale Gesundheit als Schlüssel zur Zukunft
Die Ergebnisse zeigen, was nötig ist: Angebote müssen leicht zugänglich, zeitlich flexibel, vertrauenswürdig und kostengünstig sein. Online-Programme und geförderte psychologische Beratung können kurzfristig entlasten. Sie ersetzen keine Reformen im Hochschulsystem, schaffen aber dringend benötigte Hilfe.
Das „Mental-Health-Barometer 2025“ macht unmissverständlich klar: Mentale Gesundheit ist kein Randthema, sondern ein zentraler Faktor für Bildung, Leistung und Zukunft. Wer die Leistungsträger von morgen ernst nimmt, muss heute in ihre mentale Stabilität investieren. Nicht später. Nicht irgendwann. Jetzt.

