Was Power Posing wirklich kann

Mann breitet auf Bühne Arme aus

Power Posing ist kein Erfolgsrezept. Eine Studie zeigt aber: Die Körperhaltung kann das innere Erleben beeinflussen, vor allem Gefühle, Stimmung und Selbstbewertung.

Power Posing gehört zu den psychologischen Konzepten, die schnell populär wurden. Die Idee klang einfach und überzeugend: Wer eine machtvolle Körperhaltung einnimmt, fühlt sich stärker, tritt sicherer auf und beeinflusst möglicherweise sogar Verhalten oder Körperchemie. Doch gerade diese Einfachheit machte die Theorie angreifbar. Wissenschaftlich ist die Frage komplexer: Wirkt eine expansive Haltung tatsächlich? Oder entstehen die Effekte nur, weil Studien selektiv ausgewertet, Zielgrößen vermischt oder Ergebnisse überinterpretiert wurden?

Irrtümer und Mythen rund ums ArbeitsrechtDie Studie „P-Curving a More Comprehensive Body of Research on Postural Feedback Reveals Clear Evidential Value for Power-Posing Effects: Reply to Simmons and Simonsohn“ von Amy J. C. Cuddy, S. Jack Schultz und Nathan E. Fosse greift diese Debatte auf. Sie reagiert auf die Kritik von Simmons und Simonsohn, die in einer früheren Analyse zu dem Schluss kamen, die Evidenz für Power Posing sei zu schwach. Cuddy und ihre Kollegen widersprechen: Die Kritik basiere auf einer zu engen Studienauswahl und einer groben Zusammenfassung unterschiedlicher Effekte.

Dabei ist die Studie mehr als eine Verteidigung von Power Posing. Sie zeigt, wie leicht Forschung missverstanden wird, wenn man nicht präzise fragt: Welche Wirkung wird eigentlich untersucht?

Worum es wirklich geht

Die Autor:innen sprechen nicht von einem schnellen Erfolgsrezept. Sie untersuchen „postural feedback“, also die Rückwirkung der Körperhaltung auf das eigene Erleben. Im Fokus steht die Frage, ob expansive Haltungen – im Vergleich zu kontraktiven oder neutralen – psychologische Effekte haben. Expansiv bedeutet: Der Körper nimmt mehr Raum ein, Brustkorb und Schultern öffnen sich. Kontraktiv heißt: Der Körper zieht sich zusammen. Die Studie berücksichtigt nur Untersuchungen, die diese Haltungen über Oberkörper, Brustkorb oder Schultern verändern. Kopfhaltungen, Gehen, Tanzen oder liegende Positionen wurden ausgeschlossen.

Dieser enge Fokus ist entscheidend. Er verhindert, dass alles Mögliche unter Power Posing fällt, und macht klar: Die Studie prüft keine allgemeine Theorie über Körpersprache, sondern untersucht, ob bestimmte Haltungsveränderungen mit bestimmten inneren Zuständen zusammenhängen.


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Warum die Kritik an Power Posing zu kurz greift

Simmons und Simonsohn stützten ihre Analyse auf 34 Studien aus einem früheren Überblick. Sie schlossen daraus, die Evidenz für Power Posing reiche nicht aus. Cuddy, Schultz und Fosse sehen zwei Probleme: Erstens sei die Auswahl unvollständig. Sie führten deshalb eine systematische Literatursuche durch und fanden 55 Studien. Diese Erweiterung verändert die Grundlage der Analyse. Zweitens kritisieren sie die Vermischung der Zielgrößen. In der früheren Analyse wurden sehr unterschiedliche Variablen wie Schmerzgrenze, abstraktes Denken oder hormonelle Veränderungen zusammengefasst. Solche Größen messen nicht dasselbe. Wer sie in einer Kurve vereint, erhält ein unscharfes Ergebnis. Die neue Studie fragt präziser: Für welche Art von Effekt gibt es Evidenz?

Die Studie nutzt p-Kurven-Analysen, die prüfen, wie sich signifikante p-Werte in einem Forschungsfeld verteilen. Häufen sich sehr kleine p-Werte, spricht das für Evidenz. Eine flache Verteilung deutet auf schwache Befunde hin, eine Verzerrung nach links auf selektives Berichten oder p-Hacking. Entscheidend ist: Eine p-Kurve ist nur so gut wie die Studien, die in sie eingehen. Werden Effekte grob vermengt oder Studien unvollständig ausgewählt, führt die Analyse in die Irre. Cuddy und ihre Kollegen machen diesen Punkt zum Kern ihrer Argumentation.

Sie analysieren vier Gruppen:

  1. Die aggregierten Effekte aus der erweiterten Literatur.
  2. Das Gefühl von Macht als einzelne Zielgröße.
  3. Emotionale und affektive Zustände sowie Selbstbewertungen (EASE).
  4. Die übrigen, nicht zu EASE gehörenden Variablen.

So entsteht ein klareres Bild. Die Frage lautet nicht mehr: Ist Power Posing wahr oder falsch. Aussagekräftiger ist die Frage: Welche Effekte sind gut belegt, welche unsicher?

Der stärkste Befund: Gefühle

Die erste Auswertung umfasst 53 Ergebnisse aus der erweiterten Literatur. Die Autor:innen finden dafür Evidenz. Die geschätzte durchschnittliche Power liegt bei 44 bis 49 Prozent – deutlich höher als die fünf Prozent aus der früheren Analyse.

Anzeige GehaltstrainingDer wichtigste Befund zeigt sich jedoch bei der Zielgröße „Gefühl von Macht“. Die Autor:innen widersprechen der Ansicht, dieses Gefühl sei nur eine Manipulationskontrolle. Sie argumentieren, dass es in der Forschung zu Macht und sozialpsychologischem Erleben eine zentrale Rolle spielt. Von 14 Studien, die dieses Gefühl untersuchten, wiesen elf einen signifikanten Effekt nach. Die p-Kurve zeigt hier eine durchschnittliche Power von 58 Prozent. Fazit: Expansive Haltungen können das Gefühl von Macht stärken. Dieser Befund betrifft jedoch das subjektive Erleben, nicht automatisch das Verhalten.

Emotionen, Stimmung und Selbstbewertung

Noch deutlicher fällt die Analyse der EASE-Variablen aus. Dazu zählen emotionale Zustände, Stimmung, affektive Reaktionen und Selbstbewertungen. Die Autor:innen schließen das Gefühl von Macht hier bewusst aus, um die Analyse strenger zu machen. Das Ergebnis: Eine durchschnittliche Power von 97 Prozent. Expansive Haltungen beeinflussen also nicht nur das Gefühl von Macht, sondern auch andere emotionale und affektive Zustände. Für die Arbeitswelt ist das relevant. Haltung ist kein Erfolgshebel im großen Stil, aber ein Zugang zu innerer Stabilität, Stimmung und Selbstwahrnehmung.

Chefsache – Entscheider im GesprächDie Non-EASE-Variablen – etwa Schmerzgrenze, Kalorienaufnahme oder Glücksspiel – zeigen ein anderes Bild. Hier finden die Autor:innen kaum Evidenz. Die durchschnittliche Power liegt bei sechs Prozent. Für diese uneinheitliche Gruppe lassen sich keine belastbaren Aussagen treffen. Wer Power Posing als Mittel für bessere Leistung oder hormonelle Veränderungen verkaufen will, stützt sich nicht auf die stärksten Befunde.

Der kritische Blick auf Erwartungseffekte

Ein häufiger Einwand lautet: Vielleicht reagieren Menschen nur so, wie sie glauben, reagieren zu sollen. Die Studie nimmt diesen Punkt ernst. Viele EASE-Studien arbeiteten mit verdeckten Designs oder schwer durchschaubaren Zielgrößen, etwa der Geschwindigkeit beim Abruf positiver Erinnerungen. Das schwächt den Einwand, räumt ihn aber nicht vollständig aus.

Werbeflaeche ChangemakersFür Führung und Coaching liegt die Versuchung nahe, aus den Befunden einfache Programme zu entwickeln. Doch die Studie warnt vor überzogenen Erwartungen. Haltung kann das innere Erleben beeinflussen – etwa vor Gesprächen oder Präsentationen. Sie macht jedoch niemanden automatisch leistungsfähiger oder erfolgreicher. Unternehmen sollten daher keine teuren Versprechen ableiten. Haltung kann ein Baustein in Trainings sein, ersetzt aber keine Vorbereitung, Kompetenz oder gute Führungskultur.

Haltung ist kein Ersatz für Verhältnisse

Die Autor:innen sehen weiteren Forschungsbedarf, etwa zu langfristigen Effekten oder präziseren hormonellen Messungen. Die Studie stärkt die Evidenz für affektive Wirkungen von Haltung, klärt aber nicht abschließend, welche Verhaltens- oder Leistungseffekte bestehen.

Die Ergebnisse sind nützlich, weil sie Maß halten. Haltung spielt eine Rolle, aber strukturelle Probleme löst sie nicht. Wenn Beschäftigte sich klein fühlen, liegt das oft an Machtgefällen, schlechter Führung oder einer unsicheren Kultur. Die Botschaft der Studie ist klar: Haltung kann das Erleben verändern, aber keine Wunder bewirken. Sie hilft, wie Menschen in eine Situation hineingehen – und das kann in beruflichen Momenten entscheidend sein.

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Sabine Hockling

Die Chefredakteurin Sabine Hockling hat WIR SIND DER WANDEL ins Leben gerufen. Die Wirtschaftsjournalistin und SPIEGEL-Bestsellerautorin beschäftigt sich seit über 20 Jahren mit den Veränderungen unserer Arbeitswelt. Als Autorin, Herausgeberin und Ghostwriterin veröffentlicht sie regelmäßig Sachbücher – seit 2023 in dem von ihr gegründeten DIE RATGEBER VERLAG.