„Wir müssen lernen, loszulassen“

Frau springt mit Regenschirm in die Luft

Seit Corona hat sich vieles verändert und viele wollen ihr altes Leben zurück. Weil es jedoch nicht mehr so wird, wie es früher einmal war, regt sich innerer Widerstand gegen das, was ist – was sehr viel Energie kostet. Steffen Kirchner weiß, wie wir lernen, loszulassen.

Wir sind der Wandel: Was ist mentale Revolution?

Steffen Kirchner: Wir haben ein additives Denken gelernt: Es reicht nicht, eine Schulbildung zu haben, wir wollen eine sehr gute. Es reicht nicht ein Auto zu besitzen, sondern zwei. Wir wollen nicht einen Job, sondern eine Führungsposition. Wir streben immer weiter in der Hoffnung, dass wir irgendwann „genug“ haben. Blicken wir zurück, stellen wir fest, dass wir das auch geschafft haben. Wir haben in Europa und in vielen Teilen der Welt einen Wohlstand angehäuft und einen technischen Stand erreicht, wie noch nie zuvor in der Menschheitsgeschichte. Friedlicher und glücklicher sind die Menschen jedoch nicht geworden. Ganz im Gegenteil, wir sind getrieben von einem starken Wettbewerbsdenken. Bei der mentalen Revolution geht es darum, komplett umzudenken, einen richtigen Change zu vollziehen und in neuen Dimensionen zu denken. Erfolg und Glück also anders zu denken. Ein Grundprinzip der mentalen Revolution ist daher die Subtraktion. Die Kunst liegt also im Loslassen.

Wir sind der Wandel: Was die meisten seit der Corona-Pandemie schmerzhaft lernen mussten.

Kirchner: Menschen verändern sich aus zwei Gründen: Aus der Erkenntnis, und so aus der Inspiration. Oder aus einem Schmerz, und so aus der Erfahrung. Die Veränderung aufgrund der Corona-Pandemie fand aufgrund der Erfahrung statt. Wir hätten natürlich bereits vor der Pandemie vieles loslassen können. Doch erst seit Corona hat sich vieles – wenn auch mit Schmerz – verändert. Es ist bei nicht wenigen aber auch viel Ballast abgefallen. So erzählen mir Führungskräfte beispielsweise, dass es seit der Pandemie für sie viel leichter geworden ist.

„Viele wollen ihr altes Leben zurück“

Dennoch haben wir aktuell eine herausfordernde Zeit. Viele beklagen, dass sie sich müde und erschöpft fühlen, was nicht nur an der Belastung durch beispielsweise Home-Office und -Schooling liegt, sondern auch am inneren Widerstand. Denn viele wollen ihr altes Leben zurück. Weil es jedoch nicht mehr so wird, wie es früher einmal war, regt sich innerer Widerstand gegen das, was ist. Und das kostet sehr viel Energie. Deshalb müssen wir lernen, loszulassen.

Wir sind der Wandel: Wie schaffen wir das?

Kirchner: Wir leben gleichzeitig in zwei Welten: Im äußeren Bereich, dem Interessensbereich, sind unsere Wünsche verankert. Der innere Bereich, der Einflussbereich, findet in einem selbst statt: der Fokus, das Wissen, die Kompetenz, die Ziele usw. Dem äußeren Bereich fehlt dabei der Faktor „Kontrolle“. Das heißt, ich kann Erwartungen und Wünsche haben, ob die sich jedoch erfüllen, liegt nicht gänzlich in meiner Hand. Ich kann zwar alles dafür tun, ob es am Ende des Tages aber eintrifft, kann ich nicht kontrollieren. Konzentriere ich mich stark auf diesen Bereich, verliere ich Energie und entstehen Gefühle wie Wut, Frust, Angst. Damit es mir mit mir gut geht, muss ich also meinen Fokus stärker auf den inneren Bereich lenken. Dafür muss ich aber wissen, wer ich bin und welche Stärken ich habe. Nur zu wissen, was mir akut fehlt, wird nicht helfen.


Steffen Kirchner

Der Persönlichkeitstrainer Steffen Kirchner kommt aus dem Profisport. Von seiner Arbeit profitieren Sportgrößen, Stars aus der Musik- und Showbranche sowie Wirtschaftsunternehmen gleichermaßen. Sein Podcast für mehr Motivation und mehr Erfolg ist mit weit über 1 Million Downloads einer der meistgehörten Podcasts im deutschsprachigen Raum in den Kategorien Wirtschaft, Business und Karriere. Jüngst ist sein Buch Die mentale Revolution im Gabal Verlag erschienen.

 


Eine Möglichkeit, sich mit sich selbst zu beschäftigen statt mit Dingen, die außen sind, ist das bewusste Einräumen von Zeitinseln. Denn lenke ich mehr Zeit auf mich und meine Entwicklung, erkenne ich mich, spüre ich meine Fortschritte, und sehe, was ich bereits alles erreicht habe. Und auch wenn es anstrengend ist, es gibt dabei einen Return-on-investment. Beschäftige ich mich hingegen zum Beispiel viel mit der Gesellschaft, werden im Zweifel meine Bedürfnisse nicht erfüllt, meine Energie ist futsch und ist Frust vorprogrammiert.

Für diese Selbstwirksamkeitserfahrung und den Energieschutz sollte jeder 70 bis 80 Prozent seiner Zeit für den Einflussbereich und nur 20 bis 30 Prozent für den Interessensbereich verwenden. Ein simples Tool, was auf diesem Weg helfen kann, ist ein Kalender, in dem man dafür täglich kleine, wöchentlich größere oder monatlich große Zeitinseln festlegt. Es sind kleine, aber hilfreiche Schritte, da sie sehr viel bewirken können.

Wir sind der Wandel: Wie wichtig ist das für den eigenen Erfolg?

Kirchner: Wenn sich auch die Gesetzmäßigkeiten für Erfolg nicht verändert haben, so doch das Bewusstsein dafür. Wir kommen von einem sehr materialistisch geprägten Weltbild: Das, was man anfassen konnte, zählte. Dementsprechend war unser Erfolgsbild lange Zeit geprägt: großes Auto, hoher Bildungsgrad, Führungsposition, hohes Gehalt usw. Und lange dachten wir ja auch, dass diese Erfolgsfaktoren uns glücklich machen.

„Wer seinen Erfolg nicht spüren kann, ist auch nicht glücklich“

Mittlerweile aber stimmt dieses materialistische Weltbild nicht mehr. Denn nicht Erfolg macht glücklich, sondern Glück macht erfolgreich. Dementsprechend gibt es eine andere Erfolgsdefinition, die zwei unterschiedliche Ebenen hat: die Ergebnis- und die Gefühlsebene. Es geht also darum, den inneren Erfolg wertzuschätzen und zu würdigen. Denn wer seinen Erfolg nicht spüren kann, ist auch nicht glücklich. Das heißt, äußerer Erfolg kann extrem unglücklich und unzufrieden machen. Im Sport spricht man hier von Erfüllungsmelancholie und -depression.

Fehlen klare Regeln und ein Wertebewusstsein, sind wir wie Getriebene: Wir laufen so schnell es geht von A nach B, versuchen so schnell wie möglich unsere Ziele zu erreichen, laufen über die Ziellinie und wundern uns, dass keiner zum Gratulieren da ist – weil entweder alle müde sind, sich niemand interessiert oder weil jeder sein eigenes Rennen läuft. Statt also immer das Beste herauszuholen, sollten wir versuchen, das Maximale hineinzugeben. Dazu gehört, die Leitplanken und Spielregeln auf dem eigenen Weg klarer zu definieren.

Ein neues Bewusstsein für Erfolg ist, wenn Führungskräfte nicht ihre Mitarbeitenden benutzen, um ihr Unternehmen großzumachen, sondern ihr Unternehmen dazu benutzen, ihre Mitarbeitenden großzumachen. Das ist ein komplett anderes Mindset, ein komplett neues Bewusstsein für Erfolg. Und dennoch entsteht so äußerer Erfolg, den wir auch brauchen. Nur halt auf einem anderen Weg.

Wir sind der Wandel: Wie wichtig sind hier Vorbilder?

Kirchner: Das klassische Erfolgsbild der Vergangenheit (männlich, erfolgreich, Statussymbole wie Sportwägen u.ä.) hat ausgedient. Und auch Statuen funktionieren in unserer komplexen Welt nicht mehr. Daher sollten wir uns weniger an Personen wie Sportler, Schauspieler oder Führungspersönlichkeiten und mehr an vorbildlichen Denkweisen, Verhaltensmustern und Charaktereigenschaften orientieren, die von vielen unterschiedlichen Personen stammen. Denn den einen idealtypischen Menschen für Erfolg gibt es nicht.

Sabine Hockling

Seit vielen Jahren schreibt die Journalistin und SPIEGEL-Bestsellerautorin u.a. für die Medien ZEIT ONLINE, ZEIT Spezial, SPIEGEL ONLINE über die Themen Management, Arbeitsrecht und Digitalisierung. Als Autorin, Herausgeberin und Ghostwriterin veröffentlicht sie regelmäßig Sachbücher.