Deutschlands Industrie – ein Erbe auf Abruf

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Ex-Siemens-Manager Kai Lucks zeigt, warum Deutschlands Industrie nicht stürzt, sondern schleichend erodiert: durch politische Fehlsteuerung, verschenktes Know-how und fehlenden Mut zur Zukunft.

Der Zusammenbruch kommt leise. Er beginnt im Maschinenraum. Kai Lucks kennt diesen Ort aus eigener Erfahrung. In den 1980er-Jahren, zur Blütezeit der „Germany Inc.“, leitete er bei Siemens globale Industrieprojekte. Heute beschreibt er denselben Maschinenraum als beschädigt: Zahnräder greifen nicht mehr ineinander, Energie verpufft, Know-how schwindet. Sein Buch „Der GAU: wie Deutschland seine führenden Industrien vernichtet – ein Insiderbericht“ ist kein Abgesang, sondern ein Insiderbericht über den systematischen Verlust industrieller Stärke.

Politik und Industrie im Widerstreit

Deutschland zählt noch immer zu den größten Volkswirtschaften der Welt. Doch Größe schützt nicht vor Verfall. Lucks beschreibt einen zentralen Konflikt: Industrie und Politik arbeiten gegeneinander. Energiepreise explodieren, während Konkurrenten ihre strukturellen Vorteile nutzen. Ein deutscher Haushalt zahlt ein Vielfaches der Stromkosten eines chinesischen Haushalts; in den USA und Frankreich sind die Preise deutlich niedriger. Gleichzeitig liegen die Personalkosten in der US-Fertigung bei etwa 70 Prozent des deutschen Niveaus, in China bei einem Bruchteil.

Diese Bedingungen treffen vor allem forschungsintensive Branchen – Chemie, Pharma, Maschinenbau – also jene Industrien, die Wissen als Kapital brauchen. Das Ergebnis ist kein plötzlicher Kollaps, sondern ein schleichendes Sterben: Unternehmen schließen ohne Insolvenz, Kompetenzen verschwinden, Neugründungen bleiben aus. Lucks spricht von einem toxischen Mix aus hohen Kosten, politischer Unsicherheit und falschen Anreizen.

Geschichte wiederholt sich

Irrtümer und Mythen rund ums ArbeitsrechtEin zentrales Motiv des Buches ist der Blick zurück. Lucks zeigt, wie der Aufstieg und Niedergang deutscher Konzerne über Jahrzehnte vorbereitet wurde. Thyssenkrupp steht exemplarisch dafür. Einst das wertvollste deutsche Unternehmen, heute ein Konzern im Dauerumbau. Lucks nennt interne Ursachen – Managementfehler, fehlende Kompetenz in der zweiten Generation – ebenso wie äußere Eingriffe: Weltkriege, der Versailler Vertrag, alliierte Restriktionen. Während die Industrien der Siegermächte wuchsen, wurden deutsche Unternehmen begrenzt.

Ähnliches gilt für AEG. Der Elektrokonzern gehörte einst zur Weltspitze. 1982 folgte die Insolvenz – nicht wegen fehlender Technik, sondern wegen mangelnder Anpassung. Die Manager hielten an überholten Strategien fest, während sich Märkte und Technologien wandelten. Hier sieht Lucks einen Kernfehler deutscher Industriegeschichte; den Glauben, eine einmal erfolgreiche Strategie trage ewig.

Der Wandel beginnt mit Erkenntnis

Besonders gravierend ist der Verlust geistigen Eigentums. Deutschland erfand ganze Branchen: Fotografie, Pharmazie, Kerntechnik. Wir waren die „Apotheke der Welt“. Doch im Zweiten Weltkrieg verloren deutsche Unternehmen zentrale Patente – etwa Bayer das Aspirin-Patent. Nach den Kriegen gelang es nicht, diese Führungsrollen zurückzuerobern.

Siemens: Verschenktes Wissen
Lucks schildert aus eigener Erfahrung den Technologietransfern nach China. Im Lokomotivgeschäft ging Siemens Joint Ventures ein, gab Schlüsseltechnologien preis, ohne sie rechtlich abzusichern. Kurz vor der Serienfertigung kündigten die chinesischen Partner die Verträge – und produzierten tausendfach mit deutschem Know-how. Heute ist die chinesische Bahnindustrie größer als die gesamte westliche zusammen. Für Lucks war das kein Missverständnis, sondern ein strategischer Fehler: Wissen, einmal abgegeben, ist unwiederbringlich verloren.

Transrapid; Die verpasste Zukunft
Ein weiteres Lehrstück ist der Transrapid. Die Technologie war einsatzbereit, praxistauglich, international gefragt. Dennoch wurde das Projekt politisch gestoppt und schließlich eingestellt. Kurzfristig erschien der Ausstieg bequem, langfristig zerstörerisch. Lucks plädiert für „Long Range Planing“: Zukunftstechnologien müssen über Jahre geschützt werden, auch wenn der wirtschaftliche Durchbruch auf sich warten lässt. Deutschland fehlte dieser Wille. Andere Länder nutzten die Chance.

Finanzsektor: Versagen mit Folgen
Auch der Finanzsektor schwächt die Industrie. Die Deutsche Bank verlor unter dem Renditeversprechen von 25 Prozent ihre Stabilität und geriet in eine Serie von Skandalen – Cum-Ex, Libor, Geldwäsche. Der Imageschaden wirkt bis heute. Wirecard wurde politisch zum Vorzeige-Fintech erklärt, doch Kontrollinstanzen versagten. Milliarden verschwanden, Vertrauen zerbrach.

Hinzu kommen Übernahmen nach dem Muster „arm kauft reich“: UniCredit übernahm die Hypovereinsbank, ACS den Baukonzern Hochtief. Substanz floss ab, Entscheidungszentren wanderten. Lucks betont: Vorstände entscheiden dort, wo ihre emotionale Bindung liegt. Das schwächt nationale industrielle Kerne.


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Risiko wagen, Zukunft sichern

„Der GAU: wie Deutschland seine führenden Industrien vernichtet – ein Insiderbericht“ endet mit einer klaren Forderung: Weg von rückwärtsgewandten Bewertungsmodellen, hin zu zukunftsorientierter Risikosteuerung. Lucks kritisiert Verfahren, die vergangene Erträge höher gewichten als zukünftige Überlebensfähigkeit. Gemeinsam mit Wissenschaftlern entwickelte er Ansätze, die Insolvenzrisiken, Markt- und Wettbewerbsszenarien systematisch einbeziehen.

Der Befund ist nüchtern: Jedes zehnte Unternehmen meldet statistisch innerhalb von zehn Jahren Insolvenz an. Ignoranz schützt nicht. Industriepolitik darf nicht bei Symbolik stehenbleiben. Sie muss Technologie fördern, Umsetzung ermöglichen und Scheitern zulassen.

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Sabine Hockling

Die Chefredakteurin Sabine Hockling hat WIR SIND DER WANDEL ins Leben gerufen. Die Wirtschaftsjournalistin und SPIEGEL-Bestsellerautorin beschäftigt sich seit über 20 Jahren mit den Veränderungen unserer Arbeitswelt. Als Autorin, Herausgeberin und Ghostwriterin veröffentlicht sie regelmäßig Sachbücher – seit 2023 in dem von ihr gegründeten DIE RATGEBER VERLAG.