Ist Corona das Ende der Gig Industry?

Mehrere Personen sitzen vereinzelt an Tischen

Durch die Corona-Krise stehen Millionen Menschen vor dem wirtschaftlichen Aus und müssen sich eine neue berufliche Existenz aufbauen. Ist das die Stunde der Plattformen?

Die Corona-Krise wirkt für viele Phänomene der Transformation wie ein Brandbeschleuniger. Dabei ist die Pandemie nicht nur eine gigantische Herausforderung für die Gesundheitssysteme der Staaten dieser Welt, sie stellt ganze Ökonomien vor nie dagewesene Probleme: Geschäftsmodelle brechen weg, ganze Branchen stehen vor dem Ruin und müssen sich gänzlich neu erfinden.

Während in Deutschland allein im ersten Halbjahr 2020 zehn Milliarden Euro allein für Kurzarbeitergeld verbraucht wurde und eine Ausweitung der arbeitspolitischen Maßnahme bis auf zwei Jahre diskutiert wird, haben die Arbeitslosenzahlen in den ersten Pandemiemonaten in den USA schwindelerregende Höhen erreicht. Dort sind auf einen Schlag Millionen Menschen arbeitslos geworden. Was tun, wenn der gelernte Beruf auf einmal nicht mehr ausgeübt werden kann aus Gründen des Infektionsschutzes? Betroffen sind nicht nur Menschen, die persönliche Dienstleistungen anbieten, aber es sind vor allem jene, die schon vorher als Soloselbständige auf sich selbst angewiesen waren.

Auf dem globalen Arbeitsmarkt sind damit Millionen Peers freigesetzt, viele sind bereit, alles auszuprobieren, um wieder Einkünfte zu haben und ein neues Geschäftsmodell zu finden. Und so wird die Corona-Krise auch die Stunde der Plattformen: Denn waren schon vor der Pandemie Hunderttausende als Click- und Crowdworkerinnen und -worker auf Plattformen angewiesen, sind es in der Pandemie Millionen. Und täglich kommen neue Menschen dazu, die sich als freie Produzentinnen und Produzenten verdingen. Yogatrainerinnen produzieren Videos, Coaches bieten ihre Sessions digital und gleich im Abo an, Schauspielerinnen nähen Masken und vertreiben diese über Do-it-yourself-Seiten – Künstler und Kreative suchen sich alternative Auftrittmöglichkeiten über Patreon, Youtube oder Zoom. Und unzählige fangen an, zu podcasten.

Die Zahlungsbereitschaft hat stark zugenommen

Und weil zugleich fast überall auf der Welt zumindest jene, die noch feste Jobs und damit ein regelmäßiges Einkommen haben, vor allem aus dem Homeoffice arbeiten, weil viele mehr Zeit haben, weil sie weniger reisen und unterwegs sind, nimmt zugleich die Nutzung von Plattformen zu. Nicht nur Streamingdienste wie Spotify oder Netflix verzeichnen seit Beginn der Pandemie eine höhere Nachfrage, auch Angebote, die ein spezielles Interesse voraussetzen, boomen. Lernangebote, Coachings, Filme, Musik, Sport, Internetpornos – viel mehr Menschen konsumieren digitale Dienstleistungen und Inhalte und auch die Zahlungsbereitschaft hat in der Pandemie zugenommen. Allein der Social-Payment-Service-Anbieter, über den Künstlerinnen und Kreative von ihren Fans regelmäßig einen selbstbestimmten Geldbetrag erhalten können, bekam mehr als hunderttausend neue Nutzende zwischen Mitte März und Juli dazu. Auf Etsy, der E-Commerce-Website für den Kauf und Verkauf von handgemachten Produkten, kamen ebenfalls mehr als 100.000 neue Verkäuferinnen und Verkäufer dazu – mehr als in den vergangenen zwei Jahren zusammen, berichten US-Medien.

Auch hierzulande stiegen bei verschiedenen Plattformen die Nutzungszahlen. So stellt eine Studie des Branchenverbands Bitcom fest, dass während der Corona-Pandemie drei Viertel der Internetnutzenden in Deutschland vermehrt in sozialen Medien unterwegs sind. Laut einer Umfrage vom April haben insgesamt 75 Prozent erklärt, Plattformen wie Facebook, Instagram, Xing oder Twitter seit Ausbruch des Corona-Virus in Deutschland intensiver zu nutzen als vorher. Aber auch andere Angebote werden nachgefragt: Fin-Tech-Apps, Flirt-Apps und Bildungsanwendungen wurden seit der Corona-Krise überall auf der Welt deutlich häufiger nachgefragt als vorher, zeigt eine Auswertung der Daten- und Analyseexperten von App Annie. Sogar für News, die bislang vor allem kostenlos konsumiert wurden, sind die Menschen nun bereit, Geld zu bezahlen – trotzdem klagen Verlage über die Krise, was aber weniger an der gestiegenenen Zahlungsbereitschaft sondern am Rückgang der Werbeerlöse liegt.

Das digitale Standbein gehört ab jetzt dazu

Die Entwicklung vollzieht sich so rasant, dass in US-amerikanischen Medien bereits das Ende der Gig Economy voraussagen. Ihr Niedergang sei gewiss, nun beginne die Hustle Industry, heißt es etwa in einem Bericht in dem Magazin Medium. Was aber kennzeichnet diese Phase der Transformation und ist diese eine Chance für den Wandel?

Für unzählige Soloselbständige ist es zumindest die Chance, sich ein zweites Standbein aufzubauen. Bezahlen im Netz wird selbstverständlich – das ist für viele Unternehmen auch die Chance, mit verlässlichen Einnahmen zu kalkulieren. Für viele Dienstleistungen und Angebote etablieren sich etwa Abomodelle, die werbeunabhängig sind.

Ein Ende der Gig Industry sieht der Politik- und Wirtschaftswissenschaftler und Transformationsexperte Ayad Al-Ani indes noch nicht. “Hier dürfte wohl der Wunsch Vater des Gedankens sein, sich von dem zuletzt unter Verruf gekommenen Begriffs der Gig-Economy zu distanzieren. Um dies zu tun, erfolgt hier der Verweis, dass im Gegensatz zur Gig Economy in dieser “Passion Economy” viel mehr die unverwechselbaren Fähigkeiten und Talente des Individuums im Vordergrund stehen, als bei dem eher eindimensionalem Arbeiten in der anonymen Crowd”, sagt der Wissenschaftler. Allerdings sei der Verweis, dass nun die Leidenschaften des Individuums im Vordergrund stehen, nicht neu. Dies war schon immer beim Arbeiten im digitalen Raum ein zentraler Aspekt.

Drei Phasen des Wandels

Al-Ani unterscheidet drei Phasen des Wandel. In der ersten, cirka 1990 bis 2015 ging es um die Selbstorganisation von Menschen, die in der Regel festangestellt waren, aber sich in der abhängigen Beschäftigung unfrei fühlten. Sie wurden, meist nach Feierabend, zu freien selbst gesteuerten Produzenten, folgten ihren Leidenschaften, entwickelten ambitionierte, in der Regel Open-Source-basierte Dienstleistungen, Anwendungen, Programme, Enzyklopädien. Wikipedia entstand etwa so. In der darauffolgenden Phase – es war die Zeit der großen Unternehmerplattformen ab cirka 2012 – aggregierten Unternehmer die Crowd, um Arbeiten für Unternehmen zu erledigen. Coding, Testing, aber auch PR-, Marketingdienstleistungen und Tätigkeiten wie Kurier- und Chauffeurdienste wie etwa Uber wurden ausgelagert. “Die vorher selbstbestimmt tätigen Individuen wurden nun also wieder fremdorganisert, bekamen aber im Gegensatz zur Peer Economy Geld (und die Plattform einen Marge), wenngleich nur ein sehr geringer Prozentsatz von diesem Entgelt leben kann und konnte”, sagt Al-Ani. Viele Menschen gingen einer solchen Tätigkeit auch eher im Nebenerwerb nach. Und wieder nutzten die Unternehmen in der Gig Economy “als einen Überschuss jene Kapazitäten, Talente und Motivationen, die die traditionelle Wirtschaft nicht verwenden konnte oder wollte”, so der Wissenschaftler.

Durch die Corona-Krise würden letztlich nur die Gig Plattformen weiterentwickelt. “Der große Unterschied ist hier – zunächst –, dass diese Passion Plattformen nicht von den Unternehmen (Crowdsourcing) oder Kunden beauftragt werden, eine Lösung für ihre Bedürfnisse/Anforderungen zu organisieren und zu finden, sondern, dass hier den freien Produzenten eine Möglichkeit gegeben wird, sich mit seinen Talenten selbst zu vermarkten oder zu präsentieren und Kunden zu finden, oft als Abonenntne”, sagt Al-Ani.  In diesem Sinne seien solche Plattform “freier” als die Gig Plattformen, weil hier nicht die Kundinnen und Kunden den Takt vorgeben. Die nun entstehenden Plattformen ähnelten von ihrem Prinzip her eher Amazon, das ja auch als Intermediär zwischen Kundinnen und Produzentinnen oder Händlerinnen auftrat und erst später selbst zum Produzenten und damit zum Konkurrenten seiner eigenen Kundinnen und Kunden wurde.

Laut Al-Ani seien die Chancen aber gut, dass die neuen Plattformen auch nach der Pandemie fortbestehen werden. Durch diese neuen Angebote und ihre gigantischen Synergien werde vieles verbessert – zum Beispiel, weil sich neue Produktions- und Marketingverfahren etablierten und auch neue Zielgruppen erreicht würden. Das könne man etwa im Fitnessbereich beobachten: Einige Menschen sind bereit, sich online einen Trainer zu buchen und dessen Angebote auch zu abonnieren. Sie würden aber nicht ins reale Fitnessstudio gehen. Daher würde sich nun in der Hustle Industry zusätzliche, ergänzende Angebote zu traditionellen Geschäftsmodellen etablieren.

Gigantische Synergien

Für den Transformationsexperten ist die aktuelle Entwicklung daher ein weiterer Schritt hin zu einer globalen Plattformökonomie, “weil hier ein neues Set an Fähigkeiten und Talenten Eingang in den virtuellen Raum gefunden hat.” Und weil vor allem in der westlichen Welt die Perspektive vorherrsche, dass sich das Individuum mit seinen Talenten und Motivationen selbst verwirklichen sollte, vollziehe sich auch “ein weiterer Schritt zur Individualisierung und Vereinzelung:  Gesellschaften und ihre Ökonomien werden immer mehr von Plattformen beeinflusst, die das Individuum aggregieren und vermarkten.” Am Ende der Entwicklung stünden, ganz nach der Vision des Ökonomen Adam Smith, die Plattformen als die “unsichtbaren Hand des Marktes”.

Aber wer bildet da das Gegengewicht? Die Corona-Krise verdeutlicht stark, dass vielfach die Plattformen auch die Bedingungen diktieren – und die Peers, deren andere, analoge oder klassischen Geschäftsmodelle weggebrochen sind oder stark reduziert wurden – können dem kaum etwas entgegensetzen. Der Sozialwissenschaftler Hans-Jürgen Arlt sieht in der Entwicklung eher eine Offenlegung dessen, was schief läuft in der sozialen Ordnung. “Der Essenslieferant steigt in den Deutschen Aktienindex auf, entschied die Deutsche Börse. Ausschlaggebend waren der Börsenwert des Streubesitzes und der Handelsumsatz”, sagt Arlt. Die Pandemie zerstöre alte Netzwerke, aber erschaffe zugleich auch neue. “Selbstständig kann nur sein, wer ein Beziehungsnetz hat. Wenn schon kein direktes, vielleicht wenigstens ein digitales – und so wird das Internet zur letzten Hoffnung der Verlorenen und Vergessenen und die digitale Vernetzung wird vorangetrieben”, sagt Arlt.

Alte Netzwerke werden zerstört, neue geschaffen

Der Sozialwissenschaftler ist ein Kapitalismuskritiker. Er sagt, der Prozess der Kommerzialisierung laufe seit 300 Jahren, Geld sei auch der Champion aller sozialen Medien. Doch nach wie vor sei Arbeit für die allermeisten Menschen der Weg, um an Geld zu kommen.  Doch seit den achtziger Jahren würden Arbeitsverhältnisse instabiler und brüchiger. Die zunehmende Flexibilisierung ermöglichte es vielen Menschen zwar, selbstbestimmter zu arbeiten – für die Mehrheit war die zunehmende Flexbilisierung aber auch mit einer Prekarisierung verbunden. “Prekarität ist letztlich die Summe aus Kommerzialisierung des Lebens und Destabilisierung der Arbeit”, so Arlt. Die Menschen seien heute stärker denn je darauf angewiesen, ihre Arbeitsfähigkeit zu vermarkten. Vor allem für Selbständige sei es heute normal,  “fast jegliche soziale Kontakte auch daraufhin abzuklopfen – zunächst im Kopf, dann vorsichtig herantastend im Gespräch –, ob daraus vielleicht eine Geschäftsbeziehung werden könnte”, beobachet der Wissenschaftler.

Für Arlt ist der Übergang zur Gig Economy oder auch Passion Economy daher auch nur der Versuch einer kommunikativen Deutung. “Die schiere Not, auf dem Markt irgendetwas anbieten zu müssen, um an Geld zu kommen, verwandelt sich in die Einladung, genau das anzubieten, was ich immer schon mit Vergnügen mache. Man kann es so darstellen: Endlich bekomme ich die Chance, dass meine Lieblingsbeschäftigungen bezahlt werden. Oder so: Jetzt soll ich auch noch das, was ich für mich und sehr gerne gemacht habe, auf dem markt feil bieten und meine Leidenschaft in eine Notwendigkeit verwandeln. Passion-Economy sagen die PR-Leute des Elends. Die Vermarktung dringt bis in den letzten Winkel meines Privatlebens”, so sein Fazit.

Alles nur eine Frage der Deutung?

Die Entwicklung reiche auch bis in Unternehmen, wo Arbeit zunehmend subjektiviert würde. “Auch dort soll ich alles, was ich habe und kann, in das Arbeitsverhältnis einbringen. Auch dort wird es als Zugewinn gedeutet, von mehr Selbstbestimmung und Selbstverantwortung gesprochen. Und es wäre falsch, diesen Aspekt gänzlich zu leugnen; leider ist er faktisch nur die Neben-, nicht die Hauptsache”, ist sich Arlt sicher. Doch gäbe es keine bindungslosen Arbeitskräfte mit akutem Geldbedarf könnten sich weder Gig noch Hustle Industry weiterentwicklen. Selbstbestimmte Arbeit sei eine Lüge der Arbeiterbewegung, die von Marktradikalen nur zu gerne aufgegriffen werde, sagt Arlt. “In Wirklichkeit gibt es nur Selbstbestimmung oder Arbeit, denn Arbeit ist im Kern eine Tätigkeit für andere und diese anderen bestimmen, was sie als Arbeitsleistung anerkennen.” Daher werfe Arbeit nicht nur Verteilungsfragen auf sondern sei immer auf verknüpft mit Sinnfragen und sozialen Fragen. Und auf diese Fragen liefern die neuen Entwicklungen keine Antworten.

Im Gegenteil: Auch diese werden durch die Corona-Pandemie verschärft. Wir stehen daher erst ganz am Anfang der Transformation.

Tina Groll

Die Journalistin und Buchautorin Tina Groll arbeitet als Redakteurin bei ZEIT ONLINE im Ressort Politik & Wirtschaft. Ihre Schwerpunkte sind Gleichberechtigung in der Arbeitswelt, Frauen und Karriere, Arbeitsrecht, Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik sowie Pflege.

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