Regionale Kulturen prägen, wie Menschen arbeiten, entscheiden und sich wandeln. Wer sie übersieht, schafft Konflikte. Wer sie begreift, steigert Tempo, fördert Tiefe und treibt Wandel voran.
Was einst als Folklore oder subjektive Wahrnehmung abgetan wurde, lässt sich heute messen – und strategisch nutzen. Regionale Kulturen prägen, wie Menschen arbeiten, kommunizieren, konsumieren und entscheiden. Für Unternehmen birgt das Chancen und Risiken. Unterscheiden sich Regionen in Merkmalen wie Offenheit, Risikobereitschaft oder Normenorientierung, beeinflusst das direkt die wirtschaftliche Dynamik – von Gründungen bis zur Veränderungsbereitschaft der Mitarbeitenden. Unternehmen, die diesen kulturellen Kontext ignorieren, handeln blind. Wer ihn versteht, gewinnt strategische Tiefe.
Wer also regionale kulturelle Unterschiede versteht, vermeidet Missverständnisse, Reibungsverluste und Ineffizienz. Kultur ist also nicht nur eine Frage des Landes, sondern des Landstrichs. Unternehmen, die Regionen nicht nur geografisch, sondern kulturell begreifen, sichern sich einen Vorsprung – im Markt, im Wandel und in den Köpfen der Menschen.
Standortwahl neu denken: Warum Kultur zählt
Die Wissenschaft spricht hier von „Regional Cultural Differences“. Diese Unterschiede sind bedeutsam, weil sie etwa erklären können, warum sich Regionen wirtschaftlich unterschiedlich entwickeln. HSG-Professor Tobias Ebert treibt diesen interdisziplinären Forschungsansatz voran. Denn solche regionalen Unterschiede sind nicht nur unterhaltsam, sondern gesellschaftlich relevant. Sie betreffen Fragen wie: Warum entwickeln sich manche Regionen dynamischer als andere? Wo fühlen sich Menschen besonders wohl – und warum? Auch politisch wird die Bedeutung regionaler Kulturen anerkannt. Die Europäische Union hebt in ihrer „New European Agenda for Culture“ die Rolle von Regionalkulturen hervor und hat deren Erhalt und Förderung zu einem ihrer Ziele erklärt.
Traditionell orientiert sich eine Standortwahl an Infrastruktur, Arbeitsmarkt oder Steuern. Doch ebenso wichtig ist die kulturelle Passung: Wie offen ist eine Region für Neues? Wie stark prägen Normen, Hierarchien und Traditionen das Miteinander? In offenen Regionen entstehen mehr Start-ups, Innovationen und Impulse für Wandel. In normengeprägten Gegenden braucht Veränderung andere Geschwindigkeiten und Kommunikationsformen. Ein Unternehmen, das agile Methoden einführen will, findet in einer „lockeren“ Region schneller Anschluss als in einem konservativen Umfeld. Wer das berücksichtigt, vermeidet Reibungsverluste und beschleunigt Transformation.
Kulturelle Unterschiede wissenschaftlich erfasst
So selbstverständlich die Existenz regionaler Kulturen erscheint, so schwierig war es lange, sie wissenschaftlich zu erfassen. Kultur ist ein komplexes, schwer greifbares Konzept, das sich nicht leicht messen lässt. Doch neue Methoden und die Zusammenarbeit von Disziplinen wie Psychologie, Ökonomie, Geografie und Data Science haben das verändert. Heute gelingt es immer besser, kulturelle Unterschiede zwischen Regionen empirisch sichtbar zu machen.
Groß angelegte Studien zeigen, dass sich Regionen darin unterscheiden, wie häufig bestimmte psychologische Merkmale in der Bevölkerung vorkommen. Diese Unterschiede lassen sich nicht nur kartografisch darstellen, sondern auch mit gesellschaftlichen Entwicklungen verknüpfen. So zeigt die Forschung, dass in psychologisch offenen Regionen, wo Menschen Neuem gegenüber aufgeschlossen sind, häufiger Unternehmen entstehen.
Führung, die versteht: Regionale kulturelle Intelligenz
Führungskräfte erleben oft, dass Teams an verschiedenen Standorten unterschiedlich ticken – selbst innerhalb Deutschlands. Was im Rheinland motiviert, wirkt in Sachsen belehrend. Was in Hamburg sachlich gemeint ist, kommt in München distanziert an. Der Grund liegt nicht in individuellen Befindlichkeiten, sondern in tief verwurzelten regionalen Normen und Kommunikationsstilen.
Regionale Unterschiede beeinflussen, wie Menschen Autorität wahrnehmen, Feedback erwarten oder Loyalität und Eigenverantwortung definieren. Wer führt, muss nicht nur Persönlichkeit und Unternehmenswerte einbeziehen, sondern auch den kulturellen Kontext. Nur so gelingt anschlussfähige Führung – besonders in dezentralen Organisationen.
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Ein neues interdisziplinäres Forschungsfeld
In den letzten Jahren haben verschiedene Disziplinen begonnen, Regionalkulturen quantitativ zu erfassen, um ihre Ursachen und Wirkungen zu untersuchen. Doch der Austausch zwischen den Forschenden blieb bislang begrenzt. Viele arbeiteten isoliert und nutzten unterschiedliche Methoden. Eine gemeinsame Plattform fehlte. Gerade in der Vernetzung der Perspektiven liegt jedoch großes Potenzial , um die Rolle regionaler Kulturen besser zu verstehen.
Dieses Potenzial will Prof. Tobias Ebert vom Institute of Behavioral Science und Technology an der Universität St. Gallen (HSG-IBT) nutzen. Gemeinsam mit Prof. Friedrich Götz (University of British Columbia) initiierte er vor drei Jahren eine neue Konferenzreihe. Nach der Premiere 2022 in Barcelona fand kürzlich die zweite Ausgabe in Vancouver statt, organisiert mit Prof. Eric Hehman (McGill University). Dank eines Connection Grants des kanadischen Social Sciences and Humanities Research Council kamen über 50 Forschende aus verschiedenen Disziplinen und Regionen zusammen, um ihre Arbeiten zu Regionalkulturen vorzustellen. Die Themen reichten von den Ursachen bis zu den gesellschaftlichen Folgen regionaler kultureller Unterschiede.
Normen und regionale Entwicklungen
Ein Beispiel für die Ursachen regionaler Unterschiede liefert Thomas Talhelm, Professor für Behavioral Science an der Chicago Booth School of Business. Er zeigt, wie historische Unterschiede in der Landwirtschaft – etwa der Anbau von Weizen oder Reis – bis heute kulturelle Muster in verschiedenen Regionen Chinas prägen. So herrscht in Reisanbaugebieten ein stärkeres Zusammengehörigkeitsgefühl als in Weizenanbauregionen. Michele Gelfand, Professorin für Organizational Behavior an der Standford Graduate School of Business, weiß, wie sich die Entwicklung von Regionen unterscheidet, je nachdem, ob soziale Normen streng oder locker gehandhabt werden. Besonders erfolgreiche Regionen passen ihre Normen kontextsensitiv an. Nathan Nunn, Professor für Volkswirtschaftslehre an der University of British Columbia, präsentiert Feldstudien aus Afrika, die zeigen, wie tief verankert kulturelle Normen das wirtschaftliche Verhalten prägen – etwa durch die (Nicht-)Befolgung von Regeln. Sandra Matz, Professorin für Business an der Columbia Business School, zeigt anhand digitaler Verhaltensdaten, etwa von Twitter, wie populistische Botschaften vor allem in Regionen Anklang finden, in denen Menschen unzufrieden sind und mehr negative Emotionen verspüren.
Transformation gelingt lokal – oder gar nicht
Die großen Herausforderungen – Digitalisierung, Nachhaltigkeit, New Work – sind immer auch kulturelle Transformationsprozesse. Doch Wandel braucht kulturellen Nährboden, der regional unterschiedlich ist. Regionale Kultur bestimmt, wie Menschen Veränderung wahrnehmen: als Chance oder Bedrohung. Sie entscheidet, ob Führung glaubwürdig wirkt. Wer Transformation plant, muss kulturelle Landkarten lesen – nicht nur global, sondern regional. Strategien, die in Berlin funktionieren, können in Regensburg scheitern, wenn sie kulturell nicht anschlussfähig sind.
Die Forschung zu Regionalkulturen liefert Unternehmen einen strategischen Vorteil. Sie macht sichtbar, was bisher verborgen blieb. Unternehmen können damit:
– Risiken und Potenziale von Standorten besser einschätzen,
– Führungskräfte gezielter entwickeln,
– Mitarbeiterbindung und Arbeitgeberattraktivität stärken,
– Change-Prozesse kultursensibel steuern,
– Kommunikation differenzieren und optimieren.
Was wie ein akademisches Randthema wirkt, ist ein Wettbewerbsvorteil. Die Zukunft gehört Unternehmen, die regional denken und strategisch handeln.

