Spielerisch zu guten Lösungen

Leuchtschrift work and play

Im digitalen Zeitalter gibt es nur noch einen Wettbewerbsvorteil: schnell dazuzulernen. Was unsere Kreativität beflügelt und uns dabei hilft, innovative Lösungen zu finden, weiß Sana Tornow, Expertin für digitale Anwendungen.

Ein Gastbeitrag von Sana Tornow

Unsere Zeit hält eine ganze Reihe von Herausforderungen für uns bereit: Klimawandel, Nachhaltigkeit, Digitalisierung, Remote Work – um nur die zu nennen, die uns aktuell massiv beschäftigen. Neue Lösungen sind gefragt, die wir mit unseren alten Denkmustern aber nicht lösen können. Deswegen brauchen wir neue Herangehensweisen. Eine solche findet sich im spielerischen Handeln. Denn im Spiel haben wir die Möglichkeit, Dinge in einem sicheren Rahmen auszuprobieren und Ideen zuzulassen, die wir im echten Leben für noch nicht machbar oder noch nicht möglich halten.

Um diesen sicheren Rahmen und die damit verbundenen Möglichkeiten geht es im Buch Daily Play. Agile Spiele für Coaches und Scrum Master. Denn das Spielen beflügelt unsere Kreativität und hilft uns dabei, innovative Lösungen zu finden. Deshalb ist die spielerische Haltung ein essenzielles Element moderner Schaffensprozesse. Sie steht für echten Austausch, das Innehalten und die Rückschau, den Blick nach innen, nach außen und in alle Richtungen – kurzum: für zeitgemäßes Arbeiten.

Gute Gründe für das Spielen

Rolf Schrömgens, Gründer der Online-Hotelsuche trivago, sagte einmal in einem Interview: Im digitalen Zeitalter gibt es nur noch einen Wettbewerbsvorteil: schnell dazuzulernen; und den Wandel willkommen zu heißen. Agil zu arbeiten bedeutet dabei, einen nie endenden und intensiven Lernprozess in Schwung zu halten – und zwar für Einzelne, Teams und ganze Organisationen. Damit das gelingt, ist das Spielen ein gutes Mittel. Es ist hilfreich bei der Entwicklung von Produkten, bei typischen Knackpunkten sowie auf dem Weg zu einer agilen, lebendigen Organisation.


Sana Tornow

Sana Tornow ist Beraterin, Agile Coach und Expertin für digitale Anwendungen bei smidig. Ihre Passion gilt der emotionalisierten und somit nachhaltigen Wissensvermittlung. Ihr Lieblingsthema ist – neben Gamification und Meaningful Games – die OKR Methode und wie sie sich in Unternehmen einführen lässt. Dabei ist Karriere für sie keine Leiter, sondern ein Klettergerüst.


Ein Spiel kann der Ort sein, an dem wir uns anders als sonst begegnen und neue Verhaltensweisen ausprobieren können, bevor wir sie ernsthaft einsetzen müssen. Dabei kann das Spiel helfen, uns auf einen neuen Ablauf zu konzentrieren, ohne in die Inhalte abtauchen zu müssen. In Veränderungsprozessen kann es für eine kontinuierliche Beteiligung über einen langen Zeitraum sorgen.

Das Spielen macht die Arbeit dabei aber nicht lustiger, sondern trägt vielmehr dazu bei, die Art und Weise, wie wir unsere neuen Aufgaben wahrnehmen, positiv und dauerhaft zu verändern. So entdecken wir neue Verbindungen, spielen Situationen durch und testen Ideen – bevor wir sie in die Welt hineintragen. Spielen kann aber auch einfach nur Freude bereiten. Es hilft uns, aufmerksam und im Moment zu sein, Stress abzubauen und uns gut zu fühlen.

Fünf Faustregeln aus der Forschung

Das Team um Linda Davachi hat in einer Metastudie aktuelle Ergebnisse der neurowissenschaftlichen und psychologischen Forschung untersucht und wichtige Erkenntnisse für den Lernprozess bei Erwachsenen, insbesondere bei Wissensarbeitenden, herausgearbeitet. Ihr AGES-Modell beschreibt eindrücklich, wie eng Spielen und Lernen zusammenhängen und bricht mit vielen Lern-Traditionen, die wir uns in Schule, Studium und Ausbildung angeeignet haben. Es fasst zusammen, welche Rolle Aufmerksamkeit (Attention), Anknüpfungspunkte (Generation), Gefühle (Emotion) und Spacing (zeitlicher Abstand) beim Lernen im Erwachsenenalter spielen.

Die Gebrüder Dreyfus haben in den 1980er-Jahren dazu geforscht, wie Menschen sich berufliche Fähigkeiten aneignen. Ihre Erkenntnis: Wir nehmen unsere Umwelt anders war, je nachdem wie viel wir über etwas Bescheid wissen oder wie viel Erfahrung wir in einem speziellen Gebiet haben. Deshalb brauchen wir Lernstrategien, die zu unserer jeweiligen Kompetenzstufe passen. Im Folgenden sind die Arbeiten von Davachi und Dreyfus zu fünf Faustregeln verdichtet:

  1. Aufmerksamkeit: Ablenkungen abschalten
    Damit wir uns etwas wirklich merken und es künftig abrufen können, muss unser Gehirn ziemlich tief in die biochemische Kiste greifen. Und weil wir in Lernmomenten absolute Aufmerksamkeit brauchen, ist sie ein entscheidender Faktor, damit wir uns Dinge überhaupt merken können. Dabei bringt uns nichts mehr vom Lernpfad ab als Ablenkungen und Störungen aller Art. Deshalb ist es unerheblich, ob man sich in der echten Welt, wie beispielsweise einem Meeting oder Telefonat befindet, oder virtuell von Links, Werbung oder Push-Notifications abgelenkt wird. Wir müssen daher herausfinden, was uns in einer Lern- oder Arbeitssituation besonders leicht ablenkt und es abschalten. Multitasking war gestern.Aufmerksamkeit entsteht aber auch durch Abwechslung. Gestalten wir das Lernen aktiv, bleiben wir auch dran: Eine gesunde Balance zwischen Langeweile und Überstimulation sowie eine abwechslungsreiche Gestaltung der Lerninhalte und deren Aufbereitung halten unsere Lernmotivation dabei hoch.
  2. Anknüpfungspunkte: Praxis, Praxis, Praxis
    Das Gehirn hat eine wunderbare Eigenschaft: Es liebt Assoziationen. Jeden Moment stellt es uns bis zu elf Millionen Bits zur Verfügung. Eine unvorstellbar große Menge an Informationen – zu jedem einzelnen Augenblick verdichtet für die ganz eigene Wahrnehmung. Das Dumme dabei: Wenn wir beim Lernen keine bewussten Verbindungen herstellen, zu dem was wir bereits wissen, lernen wir nichts. Deshalb sollten wir systematisch nach Anknüpfungspunkten suchen, wann immer wir Lernerfahrungen gestalten: In welchen Punkten ist das Gelernte relevant? Wo können wir es einsetzen? Wann haben wir eventuell schon einmal etwas Ähnliches gelernt?Und nur wenn wir es schaffen, einen relevanten, mentalen Kontext zu erzeugen, geht das neu erworbene Wissen vom Kurzzeitgedächtnis ins Langzeitgedächtnis über. Diesen Übergang können wir noch weiter unterstützen, indem wir während des Lernens mehrere Sinne aktivieren, dabei aber möglichst nah an der täglichen Praxis bleiben.
  3. Gefühle: Gute Lernatmosphäre schaffen
    Das mit der Biochemie geht noch weiter: Wenn unser Verstand im Alarmmodus ist, lernt er zwar schnell Sachen wie: Achtung Tiger – weglaufen! (Heutzutage: Achtung Führungskraft – wegducken!). Das hilft beim Überleben, aber nicht beim Lösen von komplexen Problemen.Wenn wir also Fähigkeiten für die moderne Welt lernen oder vermitteln wollen, müssen wir einen anderen Zustand erzeugen. Damit ein Ansporn zum Lernen entsteht, ist eine angenehme, angstfreie Lernatmosphäre wichtig sowie Aufgaben, die uns minimal überfordern. So bleibt es spannend und das Gehirn bei bester Lernlaune.
  4. Spacing: Lerneinheiten über einen längeren Zeitraum verteilen
    Das Lernen braucht einen zeitlichen Abstand. Das bedeutet, dass das langfristige Behalten kleinerer Informationseinheiten besser funktioniert, wenn wir in größeren Abständen lernen – und nicht große Mengen an Informationen en bloc aufnehmen. Zwar sind wir aus Schule und Studium – für die meisten die wohl prägendsten Lernsituationen – stundenlanges und emotionsloses Pauken vor der Prüfung gewohnt, aber eben auch das Vergessen am Tag danach. Jedoch bevorzugt unser Gehirn ein Wissensmahl aus kleinen Lernhappen, gern über mehrere Tage verteilt. Deshalb ist das Microlearning, das Lernen in vielen kleinen, zeitlich verteilten Lerneinheiten, so effektiv.Je länger wir uns Informationen merken müssen, desto weiter sollten die Lerneinheiten auseinanderliegen. Denn genau das ist der Trick: Unser Gehirn muss sich aktiv wieder daran erinnern, was es vor einiger Zeit gelernt hat – so nämlich festigt sich das Gelernte. Wir sollten also dafür sorgen, dass das Team sich wichtige Themen immer wieder vornimmt und aus einer neuen Perspektive oder durch ein neues Medium betrachtet. Erarbeitet sich das Team ein neues Themenfeld, sollten regelmäßig Pausen einlegt werden.
  5. Kompetenzstufen: Bei Vorerfahrungen ansetzen
    Die Brüder Dreyfus fanden heraus, dass beim Aneignen von beruflichen Fähigkeiten und Abläufen, die Lernstrategie zu der Vorerfahrung (oder Kompetenzstufe) der lernenden Person passen muss. Wenn wir das beim Gestalten von Lernprozessen berücksichtigen, holen wir unser Team gut ab und ermöglichen wirksame Lernerfahrungen. Diese drei Fragen helfen bei der Einordnung:
    – Stehen die Lernenden noch ganz am Anfang? Suche nach Checklisten und einfachen Regeln. Ignoriere den Kontext erstmal und biete konkrete Aufgaben an.
    – Hat das Team schon erste Erfahrungen gemacht? Ermutige alle, ihr Wissen mit anderen zu teilen. Das können Zusammenfassungen fürs Wiki sein oder ein Fachartikel, Trainings für andere Teams oder Vorträge auf Konferenzen.
    – Sind die Lernenden schon sehr versiert? Entwickle mit dem Team Leitsätze und Prinzipien. Lade alle ein, über ihre Haltung nachzudenken, und drehe regelmäßige Reflexionsschleifen mit allen, um die tägliche Arbeit laufend zu verbessern.

Iterativer Kompetenzerwerb

Die fünf Faustregeln deuten es bereits an: Wenn wir über ein Thema oder eine Aufgabe iterieren, lernen wir effektiver. Das heißt, wir machen eine Erfahrung, werten sie aus, bilden im Kopf ein neues Konzept und wiederholen die Erfahrung leicht abgewandelt auf einem höheren Niveau, mit mehr Details oder auch in einem anderen Zusammenhang. Das Prinzip des lernenden Arbeitens ist aus der modernen Arbeitswelt nicht mehr wegzudenken. In unserer Wissensgesellschaft, in der immer neue Technologien ins Spiel kommen, in der die Digitalisierung Industrien grundlegend verändert und in der immer mehr Menschen hochvernetzt und zunehmend selbstorganisiert zusammenarbeiten, hat es für die Unternehmen längst strategische Bedeutung bekommen.

Redaktion

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