Viel Technologie, wenig Fortschritt: Industrie steckt im Digitalstau

Mehrere Personen auf dem Büroflur

KI breitet sich schnell aus, doch Unternehmen integrieren sie zu langsam und akzeptieren sie zögerlich. Warum Deutschlands Industrie an ihrem eigenen Schneckentempo scheitert.

Deutschlands Industriechefs bewerten ihren Digitalisierungsgrad mit „ausreichend plus“ – in Verwaltung und Produktion ähnlich. Bis zu 40 Prozent geben sogar „mangelhaft“ oder „ungenügend“. Das ist kein Randproblem, sondern ein strukturelles Alarmsignal, so die „ifaa-Trendstudie: Zukunftstechnologien“. Technologien entwickeln sich rasant, doch im Alltag bleibt ihre Wirkung begrenzt.


Mehr zum Thema:


Das liegt nicht am Angebot. 5G, Cloud Computing und generative KI sind in vielen Produktionsbetrieben längst verfügbar. Der Engpass entsteht bei der Umsetzung. Unternehmen kämpfen mit komplizierten Softwareanpassungen, isolierten Projekten und fehlenden Systemen, die Daten umfassend nutzen. Digitalisierung wird oft additiv gedacht, nicht systematisch. Das führt zu parallelen Strukturen statt durchgängigen Wertschöpfungsketten. Hinzu kommt der Mangel an Fachkräften, die diese Systeme nicht nur einführen, sondern sinnvoll verknüpfen können.

KI verändert Rollenbilder

Irrtümer und Mythen rund ums ArbeitsrechtHier liegt der Kern des Problems: Die Industrie hat Technologien, aber oft nicht die Fähigkeit, sie produktiv zu integrieren. Digitalisierung bleibt Stückwerk. Doch seit 2022 bewegt sich etwas. Der Einsatz von KI steigt, vor allem durch große Sprachmodelle in der Verwaltung. Erstmals dringt technologische Innovation in Tätigkeiten vor, die lange als kaum automatisierbar galten. KI verändert nicht nur Prozesse, sondern auch Rollenbilder.

Die Verbreitung folgt einer klaren Logik. Neben 5G und Cloud-Technologien gewinnen KI-gestützte Analyse- und Automatisierungssysteme an Bedeutung, während klassische Robotik seltener genutzt wird. Gleichzeitig klafft eine Lücke zwischen den Unternehmen. Große Firmen treiben die Entwicklung voran: 94 Prozent setzen KI ein oder planen es. Mittelständler kommen auf 85 Prozent. Kleine Betriebe hinken mit 21 Prozent tatsächlicher Implementierung weit hinterher.

Nicht die Technologie entscheidet, sondern der Umgang mit ihr

Die Zukunft des WissensDiese Unterschiede sind mehr als Größenfragen. Sie zeigen eine strukturelle Spaltung der Transformation. Große Unternehmen sammeln Erfahrungen und bauen Kompetenzen auf, während kleinere zögern. Sicherheitsbedenken und Wissenslücken bremsen sie aus.

Mit der Anwendung verändert sich auch die Wahrnehmung. In Unternehmen, die KI nutzen, sehen 68 Prozent vor allem Chancen. Wo KI nur geplant ist, sinkt dieser Wert deutlich. Ohne konkrete Pläne überwiegt sogar die Risikowahrnehmung. Erfahrung verschiebt Perspektiven. Nicht die Technologie entscheidet, sondern der Umgang mit ihr.

Skepsis gehört zur Realität

Chefsache – Entscheider im GesprächHier zeigt sich: Die größte Hürde ist nicht technologisch, sondern kulturell. Zwar bewerten über die Hälfte der Befragten die Akzeptanz von KI als hoch, doch rund 40 Prozent berichten von mittlerer oder geringer Zustimmung. Der Unterschied zwischen Einführung und Planung ist entscheidend. In Unternehmen mit etabliertem KI-Einsatz liegt die hohe Akzeptanz bei drei Vierteln der Befragten. Ohne KI kippt das Bild ins Negative.

Die Gründe für die Skepsis sind klar: Angst vor Abhängigkeit, Sorge um Arbeitsplätze, Furcht vor Kontrolle und mangelndes Verständnis im Umgang mit den Systemen. Weniger als 10 Prozent der Führungskräfte sehen keinerlei Bedenken in der Belegschaft. Skepsis ist kein Ausnahmefall, sondern Alltag.

Erfolgreiche Unternehmen machen KI zum Change-Prozess

Anzeige: Verhandeln Sie, was Sie wert sindEin ähnliches Muster zeigt sich bei Zukunftstechnologien. Humanoide Robotik halten 65 Prozent der Befragten für allgemein bedeutsam, aber nur 47 Prozent für das eigene Unternehmen. Die Technologie ist bekannt, bleibt aber abstrakt. Viele kennen sie theoretisch, haben sie aber nie praktisch erlebt.

Hier verdichtet sich die zentrale Erkenntnis: Die industrielle Transformation scheitert nicht an Visionen, sondern an der Umsetzung. Die Lösung liegt nicht in mehr Technologie, sondern in einem anderen Umgang mit ihr. Erfolgreiche Unternehmen behandeln KI nicht als KI-Projekt, sondern als Change-Prozess. Sie setzen auf Schulungen, transparente Kommunikation und schrittweise Einführung über Pilotprojekte. Diese Maßnahmen bewerten die Befragten durchweg als relevant – unabhängig vom Digitalisierungsgrad.

Der eigentliche Wandel beginnt jetzt

Die Chefin-Talk – Frauen, die Zukunft gestaltenDamit verschiebt sich der Fokus. Nicht die Verfügbarkeit von Technologien entscheidet über den Erfolg, sondern wie Unternehmen sie aufnehmen, verankern und weiterentwickeln. Die Studie zeigt: Der eigentliche Wandel beginnt jetzt. Technologien sind da, erste Anwendungen etabliert. Doch der entscheidende Schritt fehlt – die Integration in funktionierende, akzeptierte und skalierbare Systeme.

Wer Digitalisierung als technisches Problem begreift, wird ihre Wirkung nicht entfalten. Wer sie als organisatorische Transformation versteht, legt die Basis für Wettbewerbsfähigkeit. Die Zukunft der Industrie entscheidet sich nicht im Zugang zu Technologie, sondern in der Fähigkeit, sie wirksam zu nutzen.

Wir sind der Wandel-Newsletter

Sabine Hockling

Die Chefredakteurin Sabine Hockling hat WIR SIND DER WANDEL ins Leben gerufen. Die Wirtschaftsjournalistin und SPIEGEL-Bestsellerautorin beschäftigt sich seit über 20 Jahren mit den Veränderungen unserer Arbeitswelt. Als Autorin, Herausgeberin und Ghostwriterin veröffentlicht sie regelmäßig Sachbücher – seit 2023 in dem von ihr gegründeten DIE RATGEBER VERLAG.