Frauen wollen retten, löschen, schützen. Doch die Strukturen bremsen sie aus. Gerade die Feuerwehr zeigt: Mädchen sind da. Das System hält sie nicht.
Frauen retten Leben, sichern Tatorte, löschen Brände, versorgen Verletzte. Doch in deutschen Erstretterberufen bleiben sie deutlich unterrepräsentiert. Der DIW-Wochenbericht „Freund:in und Helfer:in?“ zeigt: Polizei, Rettungsdienst und Feuerwehr werden zwar weiblicher, aber viel zu langsam. Besonders dramatisch ist die Lage bei der Feuerwehr. Während in der Jugendfeuerwehr fast jede dritte Person weiblich ist, liegt der Frauenanteil in der Berufsfeuerwehr bei mageren 2,7 Prozent. Das ist kein Randproblem, sondern ein strukturelles Versagen in einem systemrelevanten Arbeitsmarkt.
Der Bericht macht deutlich, was oft übersehen wird: Deutschland debattiert über Frauen in Vorständen, Aufsichtsräten und MINT-Berufen. Doch in Berufen, in denen es um Leben und Tod geht, bleibt die Geschlechterfrage erstaunlich leise – obwohl sie hier besonders relevant ist. Erstretterberufe leben vom Vertrauen der Bevölkerung. Sie brauchen Personal und Strukturen, die nicht die Hälfte des Arbeitsmarkts abschrecken.
Fortschritte, die nicht reichen
Die Zahlen zeigen zwar Bewegung, aber keinen Durchbruch. Bei der Landespolizei liegt der Frauenanteil bei knapp 35 Prozent, bei der Bundespolizei bei gut 28 Prozent. Im Rettungsdienst stieg er von 19 Prozent im Jahr 2012 auf fast 34 Prozent im Jahr 2025. Doch bei der Feuerwehr bleibt der Fortschritt unsichtbar: 2,7 Prozent der Frauen in der Berufsfeuerwehr, 3,9 Prozent in der Werkfeuerwehr, 5,8 Prozent im Brandschutz. Trotz Verbesserungen bleibt das Niveau beschämend niedrig.
Besonders aufschlussreich ist die sogenannte „Pipeline“ der Feuerwehr. In der Jugendfeuerwehr beträgt der Frauenanteil 31 Prozent, in der Freiwilligen Feuerwehr gut elf Prozent. Doch in Werk- und Berufsfeuerwehren sinkt er auf unter vier bzw. drei Prozent. Frauen sind anfangs da, verschwinden aber auf dem Weg in die Berufswelt. Das Problem liegt nicht am Interesse, sondern an fehlenden Übergängen, Zugängen, Vorbildern und Strukturen, die dieses Interesse halten.
Körperliche Belastung ist nicht die Hauptursache
Das Beispiel Schleswig-Holstein bestätigt das Muster: 30,7 Prozent Frauen in der Jugendfeuerwehr, 11,9 Prozent in der Freiwilligen Feuerwehr, 5,6 Prozent in der Werkfeuerwehr, 6,4 Prozent in der Berufsfeuerwehr. Die Feuerwehr gewinnt Mädchen, verliert aber Frauen. Genau hier muss die Politik ansetzen.
Der naheliegende Einwand lautet: Feuerwehr ist körperlich hart. Doch der DIW-Bericht entkräftet diese Erklärung. Die Belastungen bei der Feuerwehr sind hoch, aber Sanitäter:innen arbeiten unter ähnlichen Bedingungen – und dort sind Frauen deutlich stärker vertreten. Auch Polizei und Rettungsdienst tragen hohe Risiken und schwierige Arbeitszeiten. Körperliche Anforderungen allein erklären den niedrigen Frauenanteil bei der Feuerwehr nicht.
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Institutionelle Hürden wiegen schwerer
Auch die Gefährdung im Dienst liefert keine schlüssige Erklärung. Statistiken zeigen, dass das Risiko, Opfer von Straftaten zu werden, bei Polizei und Rettungskräften höher ist als bei Feuerwehrleuten. Gefahr gehört zum Berufsbild, doch sie erklärt nicht, warum die Feuerwehr so viel männlicher bleibt.
Viel entscheidender sind institutionelle Hürden. Körperliche Eignungstests gibt es in allen drei Berufsfeldern, doch bei der Polizei unterscheiden sie sich oft nach Geschlecht – bei der Feuerwehr nicht. Hinzu kommt: Für den mittleren feuerwehrtechnischen Dienst ist meist eine handwerkliche Ausbildung nötig, für den gehobenen Dienst ein naturwissenschaftlich-technischer Hochschulabschluss. Genau in diesen Bereichen sind Frauen unterrepräsentiert. 2024 lag der Frauenanteil bei MINT-Studienanfängern bei 36 Prozent, bei Auszubildenden in entsprechenden Berufen bei nur zwölf Prozent. Die Feuerwehr rekrutiert also aus Feldern, in denen Frauen ohnehin selten sind. Wer sich über 2,7 Prozent Frauenanteil wundert, sollte die eigenen Zugangshürden prüfen.
Rollenbilder und Ausrüstung als Hindernisse
Ein weiteres Problem ist die Ausrüstung. Während Polizeiuniformen für Frauen und Männer angepasst sind, gibt es bei der Feuerwehr oft nur eine Einheitskleidung – ausgelegt auf männliche Körper. Das ist kein Detail: Schlechter Sitz bedeutet weniger Schutz und höheres Unfallrisiko. Wer Frauen gewinnen will, muss ihnen passende Schutzkleidung bieten.
Hinzu kommen tief verankerte Rollenbilder. Frauen waren in der Schutzpolizei bis in die 1970er-Jahre ausgeschlossen, in Bayern sogar bis 1990. In westdeutschen Freiwilligen Feuerwehren durften Frauen bis in die 1970er-Jahre nicht mitmachen. Erst Mitte der 1980er-Jahre öffnete sich die Berufsfeuerwehr. Diese Geschichte wirkt nach. Ein Beruf verändert sein Image nicht automatisch, nur weil Verbote fallen.
Stereotype wirken leise, aber nachhaltig
Der Bericht illustriert das mit einem drastischen Beispiel: Noch 1982 forderte ein Hamburger Obermedizinaldirektor, Frauen dürften bei der Polizei nur arbeiten, wenn sie 1,80 Meter groß, 80 Kilogramm schwer und sterilisiert seien. Solche Aussagen sind heute undenkbar, doch Stereotype wirken weiter – leise, aber hartnäckig. Sie stecken in Erwartungen, Tests, Bildern, Sprache und Dienstkulturen. Besonders die Feuerwehr bleibt stark mit männlichen Zuschreibungen verbunden. Solange fast nur Männer sichtbar sind, bleibt der Beruf ein Männerberuf. Ein Teufelskreis: Rollen erzeugen Stereotype, Stereotype stabilisieren Rollen.
Ein Blick auf Führungspositionen zeigt gemischte Ergebnisse. Bei der Berliner Polizei stieg der Frauenanteil in Leitungspositionen von 20 Prozent im Jahr 2016 auf 27 Prozent im Jahr 2020. Bei der Berliner Feuerwehr ist die Lage komplizierter: Im technischen Dienst lag der Frauenanteil 2020 bei nur zwei Prozent, im nichttechnischen Dienst bei 46 Prozent. In Leitungspositionen waren es 16 Prozent. Frauen sind in Verwaltung und nichttechnischen Bereichen präsenter, im operativen Kern aber fast unsichtbar.
Was folgt daraus? Der DIW-Bericht fordert keine Symbolpolitik, sondern konkrete Maßnahmen: Zugangsvoraussetzungen prüfen, Ausbildungswege erweitern, Informationskampagnen stärken, Stereotype abbauen. Besonders bei der Feuerwehr liegt der Hebel auf der Hand. Wenn Mädchen in der Jugendfeuerwehr vertreten sind, aber später nicht in der Berufsfeuerwehr ankommen, muss der Übergang neu gestaltet werden. Es reicht nicht, Mädchen früh zu begeistern. Man muss ihnen zeigen, welche Ausbildungen den Weg öffnen, welche Anforderungen gelten und welche Unterstützung existiert.
Ein systemrelevantes Problem
Der Bericht benennt Ursachen klar, auch wenn nicht alle Wirkmechanismen belegt sind. Datenlücken und offene Fragen bleiben, etwa zur Wirkung von Initiativen wie Girls‘ Day oder Hauptstadtretterin. Doch der Befund steht: Ein systemrelevanter Bereich wird bislang erstaunlich wenig systematisch untersucht.
Die zentrale Botschaft lautet: Die Unterrepräsentation von Frauen in Erstretterberufen ist kein Naturgesetz. Sie ist das Ergebnis von Geschichte, Institutionen, Rekrutierungswegen, Ausrüstung und Bildern im Kopf. Wer das ändern will, muss mehr tun als Plakate drucken. Er muss Zugangshürden abbauen, Schutzkleidung anpassen, Karrierewege öffnen und die Jugendfeuerwehr als Talentpool ernst nehmen.
In Zeiten von Personalmangel ist das keine Frage der Höflichkeit, sondern der Leistungsfähigkeit. Deutschland kann es sich nicht leisten, Frauen für systemrelevante Berufe zu verlieren, die sie längst interessieren. Die Feuerwehr zeigt das Problem in seiner schärfsten Form: Die Mädchen sind da. Das System hält sie nicht.

