Gleichstellung unter Druck: Warum der Wandel stockt

2 Frauen gehen eine Treppe runter

Der Women-on-Board-Index 2025 zeigt: Immer mehr Frauen mischen in Führungsetagen mit, doch der Fortschritt stagniert. Ohne klare Vorgaben bleibt Gleichstellung eine Pflichtübung statt gelebte Führungsaufgabe.

Deutschland hat sich verpflichtet: mit der Agenda 2030 der Vereinten Nationen, dem Führungspositionengesetz und klaren politischen Signalen. Gleichstellung soll kein Randthema bleiben, sondern Teil der strategischen Steuerung von Wirtschaft und Gesellschaft werden. Zehn Jahre später zeigt der „Public Women-on-Board-Index 2025“: Die Richtung stimmt, das Tempo nicht.

Die Studie untersucht 259 der größten öffentlichen Unternehmen in Bundes- und Landesbeteiligung. Sie erfasst, wie viele Frauen in Aufsichtsgremien und Top-Managementorganen mitentscheiden. Das Ergebnis ist zwiespältig: ernüchternd, weil Fortschritt oft nur verwaltet wird; ermutigend, weil klare Regeln Wirkung zeigen.

Fortschritt auf dem Papier, Trägheit in der Praxis

Irrtümer und Mythen rund ums Arbeitsrecht2025 liegt der Frauenanteil in Aufsichtsgremien bei 38,9 Prozent – ein mageres Plus von 0,2 Prozentpunkten gegenüber dem Vorjahr. Stagnation statt Dynamik. In den Top-Managementorganen sieht es besser aus: 30,7 Prozent Frauen, erstmals über der 30-Prozent-Marke. Ein Meilenstein, aber kein Durchbruch.

Die Kluft zwischen Anspruch und Realität zeigt sich besonders im Vergleich von Bund und Ländern. Bundesbeteiligungen erreichen 41,4 Prozent Frauen in Aufsichtsgremien, Landesbeteiligungen nur 37,1 Prozent. Der Gund: fehlende Verbindlichkeit. Die gesetzliche Quote greift nur beim Bund. Wo sie fehlt, stockt der Wandel.

Zielgröße Null bleibt Realität

Das Problem wird bei den Zielgrößen noch deutlicher. Drei Viertel der verpflichteten Unternehmen formulieren inzwischen Zielgrößen für den Frauenanteil. Doch die Begründungen bleiben oft vage, strategische Herleitungen selten. Zielgröße Null ist weiterhin Realität – auch im Top-Management. Zu oft gilt Gleichstellung als Pflichtübung, nicht als Führungsaufgabe.

Die Studie zeigt aber auch: Wandel ist möglich. Er beginnt dort, wo Governance ernst genommen wird. Berlin und Mecklenburg-Vorpommern führen das Länderranking an. Beide haben differenzierte Landesgleichstellungsgesetze und Public Corporate Governance Kodizes mit klaren Diversity-Vorgaben. Das Ergebnis: höhere Frauenanteile, stabilere Entwicklung, weniger Rückschritte.

Wo Regeln klar sind, verändert sich Macht

Auch innerhalb der Unternehmen zeigt sich der Effekt klarer Steuerung. In Aufsichtsratsausschüssen, die Personalentscheidungen vorbereiten, liegt der Frauenanteil bei über 40 Prozent. In Personalausschüssen sogar bei 40,8 Prozent. Entscheidungen ändern sich, wenn Perspektiven vielfältiger werden.

Ein weiteres Signal: Der Anteil komplett frauenfreier Führungsetagen ist seit 2015 um mehr als zwei Drittel gesunken. Heute betrifft das nur noch 3,1 Prozent der untersuchten Unternehmen. Fortschritt ist also real, bleibt aber fragil.


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Gleichstellung als strategische Infrastruktur

Der Public Women-on-Board-Index zeigt: Gleichstellung entsteht nicht durch Appelle, sondern durch Struktur. Durch Gesetze, die wirken. Durch Zielgrößen, die ernst gemeint sind. Durch Transparenz, die Verantwortung schafft.

Öffentliche Unternehmen tragen dabei eine besondere Verantwortung. Sie verwalten nicht nur Milliardenbudgets, sondern setzen Standards. Sie zeigen, wie moderne Governance funktioniert – oder wo sie scheitert. Wer hier Vielfalt verankert, sendet ein starkes Signal an die Privatwirtschaft.

Die Studie liefert klare Handlungsimpulse:

– Verbindliche Quoten beschleunigen den Wandel.
– Transparente Zielgrößen machen Fortschritt messbar.
– Klare Governance-Kodizes übersetzen Prinzipien in Praxis.

Der Wandel ist kein Selbstläufer

Gleichstellung ist kein moralisches Extra. Sie ist ein Effizienzfaktor, ein Innovationsmotor, ein Stabilitätsanker. Unternehmen mit diversen Führungsgremien treffen bessere Entscheidungen – empirisch belegt, strategisch relevant.

Fünf Jahre bleiben bis 2030. Der Countdown läuft. Der Public Women-on-Board-Index 2025 zeigt: Deutschland hat gelernt, Strukturen zu schaffen. Jetzt muss es lernen, sie konsequent zu nutzen. Gleichstellung entscheidet sich nicht in Sonntagsreden, sondern in Besetzungslisten, Zielvereinbarungen und Machtfragen. Der Wandel ist da. Aber er braucht Führung.

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Sabine Hockling

Die Chefredakteurin Sabine Hockling hat WIR SIND DER WANDEL ins Leben gerufen. Die Wirtschaftsjournalistin und SPIEGEL-Bestsellerautorin beschäftigt sich seit über 20 Jahren mit den Veränderungen unserer Arbeitswelt. Als Autorin, Herausgeberin und Ghostwriterin veröffentlicht sie regelmäßig Sachbücher – seit 2023 in dem von ihr gegründeten DIE RATGEBER VERLAG.