Mythos Talent: Warum Arbeitsbedingungen Geschlechter trennen

Mann und Frau sitzen mit Arbeitsunterlagen im Cafe

Nicht die Fähigkeiten, sondern die Arbeitsbedingungen fördern die Geschlechtertrennung am Arbeitsmarkt. Eine Studie der Universitäten St.Gallen und Bern belegt: Wer Gleichheit erreichen will, muss Arbeit anders bewerten und Strukturen anpassen.

Die moderne Arbeitswelt gibt sich gern meritokratisch: Fähigkeiten zählen, Leistung entscheidet, Geschlecht bleibt außen vor – so dass Ideal. Doch die Realität erzählt eine andere Geschichte. Nach wie vor trennt eine tiefe berufliche Segregation die Geschlechter. Männer und Frauen arbeiten in unterschiedlichen Branchen, Berufen, Funktionen. Das Ergebnis: Lohnunterschiede, begrenzte Karrieren und verschwendetes Talent.

Die aktuelle Studie „Skill requirements versus workplace characteristics: exploring the drivers of occupational gender segregation“ von Scherwin M. Bajka, Benita Combet, Patrick Emmenegger und Sabine Seufert, Forschenden der Universitäten St.Gallen und Bern, beleuchtet die Ursachen dieser Trennung auf neuer empirischer Basis. Sie untersucht nicht nur die Fähigkeiten, die Berufe verlangen, sondern auch die Bedingungen, unter denen Arbeit stattfindet. Die Ergebnisse sind eindeutig – und widerlegen gängige Erklärungen.

Fähigkeiten erklären die Trennung kaum

Irrtümer und Mythen rund ums ArbeitsrechtLange galt die Annahme: Frauen und Männer wählen Berufe nach ihren Fähigkeiten. Männer bevorzugen technische, mathematische, analytische Fähigkeiten, Frauen eher Kommunikation, Organisation, Fürsorge. Die Studie prüft diese These mit einem breiten Datensatz. Das Fazit: Fähigkeiten erklären nur einen kleinen Teil der Geschlechtertrennung.

Zwar verlangen männlich dominierte Berufe häufiger technische Kompetenzen, während frauendominierte Tätigkeiten soziale Fähigkeiten erfordern. Doch der Einfluss bleibt gering. In den USA lassen sich nur etwa 13 Prozent der beruflichen Geschlechtersegregation durch Unterschiede im Fähigkeitsprofil erklären. In Deutschland ist der Wert ähnlich niedrig. Der Mythos von der „natürlichen Begabung“ hält der empirischen Prüfung nicht stand.

Nicht Fähigkeiten, sondern Arbeitsbedingungen trennen

Die eigentliche Trennlinie verläuft nicht bei den Fähigkeiten, sondern bei den Arbeitsbedingungen. Männerberufe bieten im Schnitt höhere Löhne, bessere Aufstiegschancen und mehr Autonomie. Frauenberufe punkten mit Teilzeitmöglichkeiten, geregelten Arbeitszeiten und stärkerer sozialer Einbindung.

Diese Unterschiede sind kein Zufall. Sie spiegeln gesellschaftliche Erwartungen und institutionelle Strukturen. Berufe mit Sorgearbeit werden systematisch abgewertet. Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: In frauendominierten Berufen liegt das Lohnniveau im Schnitt 20 bis 30 Prozent unter dem vergleichbar qualifizierter männlich dominierter Tätigkeiten.

Damit wird klar: Nicht Fähigkeiten treiben die Segregation, sondern die Rahmenbedingungen. Frauen wählen häufiger Berufe, die Vereinbarkeit versprechen, auch wenn sie schlechter bezahlt sind. Männer entscheiden sich für Berufe mit höherem Einkommen und Status, selbst wenn diese weniger Vereinbarkeit bieten.


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Arbeit neu bewerten

Anzeige Das neue InterviewbuchDie Studie zieht eine eindeutige Schlussfolgerung: Wer die Geschlechtersegregation aufbrechen will, muss die Arbeitsumfelder attraktiver gestalten. Solange Sorgearbeit schlecht bezahlt bleibt, Führungspositionen lange Arbeitszeiten erfordern und Teilzeit Karrieren bremst, wird sich wenig ändern.

Das heißt: Wir müssen Arbeit neu bewerten. Soziale Kompetenzen sind keine „weichen“ Fähigkeiten, sondern essenziell für eine funktionierende Gesellschaft. Ihre Abwertung ist ökonomisch unsinnig und gesellschaftlich schädlich.

Gleichzeitig braucht es strukturelle Reformen. Aufstieg darf nicht von Präsenzzeit abhängen, sondern von Leistung. Flexibilität muss auch in Führungspositionen möglich sein. Care-Berufe verdienen eine Bezahlung, die ihrem gesellschaftlichen Wert entspricht. Und Männer sollten ermutigt werden, diese Berufe zu ergreifen – ohne Stigma, aber mit echten Perspektiven.

Ein neuer Blick auf Talent

Die Studie zeigt, was oft übersehen wird: Geschlechtersegregation ist kein Naturgesetz, sondern ein Produkt von Strukturen. Fähigkeiten erklären wenig, Arbeitsbedingungen viel. Wer Veränderung will, muss die Rahmenbedingungen ändern – nicht vermeintliche Begabungsunterschiede.

Die Botschaft ist klar: Arbeit formt Geschlecht. Nur wenn wir den Wert von Arbeit neu definieren, können wir eine Gesellschaft schaffen, in der Talente unabhängig vom Geschlecht wirken.

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Sabine Hockling

Die Chefredakteurin Sabine Hockling hat WIR SIND DER WANDEL ins Leben gerufen. Die Wirtschaftsjournalistin und SPIEGEL-Bestsellerautorin beschäftigt sich seit über 20 Jahren mit den Veränderungen unserer Arbeitswelt. Als Autorin, Herausgeberin und Ghostwriterin veröffentlicht sie regelmäßig Sachbücher – seit 2023 in dem von ihr gegründeten DIE RATGEBER VERLAG.