In Indien ist die IT-Weiterbildung eine Frauendomäne

Frau tippt mit Finger auf Display

In Deutschland wäre Sangeetha Bajaj eine Exotin. Denn die traditionelle Inderin trägt nicht nur einen Sari im Büro, sie leitet auch ein großes IT-Weiterbildungszentrum in der goanischen Hauptstadt Panjim in Indien. Ein Blick der Chefin reicht, schon reicht der Assistent ihr Kaffee oder Tee – je nach Tageszeit.

Hierzulande wäre Bajaj mit dieser Position eine der wenigen Frauen in einer Männerdomäne. Nicht so in Indien, wo ein Großteil der Beschäftigten in der IT-Branche weiblich ist.

Seit vier Jahren leitet die Mutter von zwei Kindern das zweitgrößte indische Center des Weiterbilders Koenig Solutions. 12 renommierte IT-Trainer, mehrere Büroangestellte, Service-Personal und ein ganzes Team an Wachschutz unterstehen der Anfang Fünfzigjährigen. Etwas mehr als die Hälfte der Trainer sind Frauen. “In der IT-Weiterbildung haben wir sogar eher eine Frauendomäne. Etwas mehr als die Hälfte der Beschäftigten sind weiblich”, sagt Bajaj.

Von wegen ein Job für Männer

Und diese Frauen haben es drauf: Um als Trainer für etwa Microsoft, Cisco, Oracle, SAP oder Drupal arbeiten zu können, erfordert es viel Erfahrung und ein umfangreiches Wissen. Das Unternehmen hat sich auf die Aus- und Weiterbildung von Programmierern und Entwicklern aus Europa, Amerika, Australien und Afrika spezialisiert – Offshore-Training nennt der Firmengründer Rohit Aggarwal das Konzept. In Indien ist ein Kurs samt Testing und Zertifikat oftmals für den halben Preis zu haben, den die IT-Experten in ihrem Heimatländern zahlen müssten. Und das Unternehmen bietet Schulungszentren an den touristisch interessanten Orten Indiens, sodass sich die Weiterbildung mit einer Asienreise verbinden lässt. Das Unternehmen bietet alls aus einer Hand: Visa-Service, die Unterkunft in verschiedenen Hotels oder Appartments nach westlichem Standard (je nach Budget), eigene Test-Center, in denen nach Abschluss eines Kurses die Zertifizierung stattfindet und einen Rund-um-Sorglos-Touristenservice.

Schulungszentren gibt es in Indien wie Dubai, wo etwa IT-Experten der US-Armee für ihren Einsatz in den Krisenregionen im Nahen Osten weitergebildet werden. Ende der neunziger Jahre gegründet, ist es Koenig Solutions binnen weniger Jahre gelungen, zum größten IT-Weiterbilder für den westlichen Markt zu werden. Zahlreiche andere indische Unternehmen bieten mittlerweile ein ähnliches Konzept und schicken ihre Kunden gerne auch in andere asiatische Länder wie etwa Thailand.

Doch um IT-Experten aus aller Welt weiterzubilden, braucht man entsprechend gute Trainerinnen und Trainer. Und hier liegt die Herausforderung für die Weiterbildungsunternehmen. Denn wer in Indien zu den Besten zählt, der erhält Jobangebote aus dem Westen. Und die sind oft lukrativer.

“Viele Frauen wollen trotzdem lieber für ein indisches Unternehmen arbeiten”, sagt Bajaj. Frauen würden auch in Indien stärker Wert auf eine gute Vereinbarkeit von Familie und Beruf statt auf das Gehalt oder geldwerte Incentives legen. Und vielen sei es auch wichtig, im Heimatland bleiben zu können. Immerhin ist noch gut jede zweite Ehe in Indien arrangiert – und fußt auf entsprechend traditionellen Werten und Einstellungen. Andere kommen nach einigen Jahren im Ausland wieder zurück und wollen gerne bei einem hinduistischen Unternehmen arbeiten, das familienfreundliche Arbeitsbedingungen bietet.

Vereinbarkeit ist wichtig

Auf diesen Faktor setzt auch Koenig Solutions. Das Unternehmen fußt auf traditionellen hinduistische Werte. So gibt es etwa einen Koenig-Ethos, quasi die zehn Gebote der Unternehmenskultur, an die sich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter halten sollen. CEO Aggarwal hat sich den Ethos ausgedacht und ist sehr stolz darauf, dass sich seine weltweit 600 Beschäftigten dazu committen. So sollen die MitarbeiterInnen versuchen keinen Neid untereinander zu empfinden und auch Konkurrenz vermeiden. Kritik soll konstruktiv formuliert werden. Fehler werden laut Firmenethos als Chance zum Lernen begriffen und werden nicht bestraft. “Make the world a better place and improve ourself” (“Die Welt zu einem besseren Ort machen und uns stetig selbst verbessern”) – so lautet das Credo im Unternehmen. Sangeetha Bajaj findet diese Wert richtig. “Ich bin froh, dass ich einen Arbeitgeber habe, dem eine faire Unternehmenskultur wichtig ist”, sagt sie. Vielleicht, so die Managerin, sei dies für Frauen sogar etwas attraktiver als für Männer. Was auf jeden Fall attraktiv ist, das sind die Arbeitszeiten: Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter arbeiten von 9 bis 17 Uhr an fünf Tagen in der Woche. Flexible Teilzeitstellen gibt es natürlich auch. Und bisweilen können auch die Kinder einmal mit ins Büro gebracht werden.

“Die Fluktuation der Mitarbeiter ist recht gering”, sagt Sangeetha Bajaj. Sie selbst plant, dass ihre Führungsposition bei Koenig ihre letzte Station sein soll. “In der IT-Weiterbildung findet man sichere Jobs, in denen man alt werden kann”, sagt sie. Bajaj selbst hat nie im Ausland gearbeitet, sondern wollte immer in Indien bleiben. Die gläubige Hindu stammt aus dem nordindischen Wüstenstaat Rajastahn. Nach ihrem Studium in Chennai ging sie eine arrangierte Ehe ein und bekam mit ihrem Mann, einem Manager, zwei Söhne. Dass sie als gut ausgebildete Frau trotzem berufstätig blieb, war für Bajaj selbstverständlich. Führungspositionen in der Weiterbildung kamen da gerade Recht. “Hier hat man geregelte Arbeitszeiten und das lässt sich mit Kindern und Familie gut vereinbaren”, sagt Bajaj. Heute sind ihre Söhne erwachsen. Der Ältere promoviert in Australien, der Jüngere arbeitet als Ingenieur im Norden Indiens.

Dass die IT-Branche in vielen Ländern im Westen eher von Männern dominiert ist, wundert Bajaj übrigens. “Programmieren und Entwickeln – das können doch Männer ebensogut wie Frauen!”

Tina Groll

Die Journalistin und Buchautorin Tina Groll arbeitet als Redakteurin bei ZEIT ONLINE im Ressort Politik & Wirtschaft. Ihre Schwerpunkte sind Gleichberechtigung in der Arbeitswelt, Frauen und Karriere, Arbeitsrecht, Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik sowie Pflege.

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