Kaum Frauen an der Spitze von Europas Unternehmen

Schattenspiele mit Menschen vor Skylines

Frauen fehlen nicht nur in deutschen Unternehmen ganz oben. Auch die größten europäischen Unternehmen erzielen nur langsam Fortschritte.

Das stellt der neue Gender Diversity Index der Initiative European Women on Boards (EWoB) fest. Demnach tun sich auch viele große Unternehmen in Europa schwer mit einer gleichberechtigten Teilhabe von Frauen in Aufsichtsräten und Vorständen. Jedoch sind einige Länder fortschrittlicher als andere: Ganz vorne, natürlich, Norwegen, das schon seit vielen Jahren eine Frauenquote hat; aber auch Finnland und Schweden, in denen Gleichberechtigung deutlich stärker vorangetrieben wird als in der Bundesrepublik. Zu den Ländern, die auch schon viel ausgewogener bei der Besetzung von Top-Jobs in der Wirtschaft sind, gehört ferner Großbritannien. Am wenigstens Führungsfrauen in Unternehmen gibt es hingegen in Polen und der Tschechischen Republik. Die Studie zeigt aber auch, dass Quotengesetze allein noch nicht zielführend sind. Vielmehr komme es auf die gesetzlichen Rahmenbedingungen generell und die jeweilige gesellschaftliche Norm in den Ländern aus.

Der Gender Diversity Index untersucht die  Geschlechterrepräsentation in Vorständen, Aufsichtsräten und obersten Führungsebenen der größten europäischen Unternehmen einmal im Jahr. Analysiert werden dabei insgesamt 668 Konzerne, die im STOXX 600 Europe Index oder in nationalen Börsenindizes gelistet sind. Jedem Unternehmen in der Studie wird ein Indexwert, der Gender Diversity Index (GDI), zugewiesen. Dies ermöglicht, Länder und Unternehmen systematisch zu vergleichen und deren Fortschritte zum letzten Jahr zu messen.

Deutschland ist im hinteren Mittelfeld

„Die Zahl der weiblichen CEOs ist von 28 auf 42 gestiegen, die Zahl der Unternehmen mit einer weiblichen C-Suite von 99 auf 129, und Frauen in den Vorständen machen jetzt neun Prozent gegenüber sieben Prozent im Jahr 2019 aus. Das sind insgesamt klar erkennbare Fortschritte bei den Zahlen“, erklärt Päivi Jokinen, Vorsitzende von European Women on Boards. So sei der durchschnittliche GDI-Wert leicht gestiegen (von 0,53 auf 0,56), wie auch die Zahl der Unternehmen mit einem GDI von mehr als 0,8 habe sich mehr als verdoppelt – mittlerweile sind es 62, im Jahr davor waren es erst 30.

Trotzdem sind diese Zahlen weit von einer echten Parität entfernt. Und blickt man auf Deutschland, zeigen sich hier nur sehr mäßige Entwicklungen. 68 Unternehmen wurden für die Studie untersucht, bei diesen lag der Anteil von Frauen in den Vorständen bei 12 Przent, bei den Aufsichtsräten – hier zeigen sich die Folgen der Quote – aber mittlerweile bei 32 Prozent. Vorstandsvorsitzende kommen aber quasi gar nicht vor, nur drei Prozent der Unternehmen habe eine weibliche CEO. Deutschland kommt somit auf Platz 12 von 18 im Länderranking.

Kein Wunder, dass auch auf europäischer Ebene die Forderungen nach einer europaweiten Regelung lauter werden. Bereits 2012 hatte die Europäische Kommission eine verbindliche Quote von 40 Prozent Frauen in Aufsichtsräten börsennotierter Unternehmen vorgeschlagen. Zuletzt hatte die EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen sich für mehr Gleichstellung ausgesprochen. Sie war es auch, die sich maßgeblich für die Quotenregelung in Deutschland stark gemacht hatte.

Tina Groll

Die Journalistin und Buchautorin Tina Groll arbeitet als Redakteurin bei ZEIT ONLINE im Ressort Politik & Wirtschaft. Ihre Schwerpunkte sind Gleichberechtigung in der Arbeitswelt, Frauen und Karriere, Arbeitsrecht, Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik sowie Pflege.

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