„In Krisen sollten Unternehmen nicht abwarten und hoffen“

Leuchtschild wait

Stehen Unternehmen vor große Herausforderungen wie Krisen, sollten sie sich proaktiv Gedanken machen, wie sie ein weiteres Standbein aufbauen können. Wie das geht, weiß die Unternehmensberaterin Irina Röd.

Wir sind der Wandel: Die Corona-Krise hat viele Unternehmen und Geschäftsmodelle ins Wanken gebracht. Wie erkennt ein Unternehmen, dass es ein neues Geschäftsmodell braucht?

Irina Röd: Viele Unternehmen erkennen leider oft zu spät, dass ein neues Geschäftsmodell notwendig ist – nämlich erst dann, wenn es negative Auswirkungen gibt wie Umsatzeinbrüche, Kundenrückgänge, davonziehende Mitbewerber. Wer erst jetzt erkennt, dass sein Geschäftsmodell nicht mehr funktioniert, handelt zu spät, weil defensiv. Besser ist, wenn Unternehmen ihr Geschäftsmodell laufend überprüfen. Denn wer proaktiv neue Produkte, Dienstleistungen oder Wege ausprobiert, stellt sich breiter auf, was in Krisen vorteilhaft ist. Dazu gehört auch, auf dem Laufenden zu bleiben und auf Trends zu achten.

Ist die Krise – wie aktuell die Pandemie – da, sollten Unternehmen auf keinen Fall abwarten und hoffen, sondern sich proaktiv Gedanken machen, wie sie ein weiteres Standbein aufbauen können. Viele Restaurants beispielsweise, die vor Corona keinen Lieferservice angeboten haben, setzten in der Krise erfolgreich auf Take-away. Auf dieses neue Standbein werden sicherlich viele Restaurants auch nach der Krise setzen.

Wir sind der Wandel: Gibt es Möglichkeiten, sich generell vorab vor Krisen zu schützen?

Röd: Bei vorhersehbaren Krisen wie beispielsweise der Klimakrise, ist es einfacher, sich zu schützen, denn damit können sich Unternehmen frühzeitig auseinandersetzen. Allerdings kann man sich auch auf unvorhersehbare Krisen vorbereiten. Dabei wird die Anpassungsfähigkeit von Denk- und Handlungsmustern als Veränderungslernen bezeichnet. Dazu betrachtet man Veränderungen von Tätigkeiten, Einstellungen, Zielen und macht diese für alle Ebenen und Mitarbeitenden sichtbar. So können sie kritisch betrachtet und Schritt für Schritt verändert werden. Dabei ist wichtig, sich für die einzelnen Schritte Zeit zu nehmen, um den Lernerfolg wahrzunehmen. Hat ein Unternehmen das gelernt, ist es fähig, unvorhersehbare Krisen zu meistern sowie eine neue Vision zu entwickeln.

“Die meisten Unternehmen haben – wenn auch unbewusst – erst eine Vision, bevor sie ihr Geschäftsmodell starten”

Wir sind der Wandel: Wie entwickelt ein Unternehmen eine neue Vision?

Röd: Bei einer Vision geht es um das langfristige Zukunftsbild. Hilfreich bei der Entwicklung kann das Instrument „Goldener Zirkel“ von Simon Sinek sein: Sinek stellt die Vision anhand eines Kreises dar und formuliert dabei drei Fragen: Was macht das Unternehmen? Wie macht das Unternehmen es? Und die wichtigste Frage, die auch die Vision formuliert: Warum macht das Unternehmen das?

Wer auf das Warum eine Antwort gefunden hat, hat eine sehr gute Basis für sein Zielbild. Bevor ich aber mit der Entwicklung der neuen Vision starte, sollte ich mich mit der Ausgangssituation auseinandersetzen: Wo steht mein Unternehmen? Was unterstützt das Unternehmen auf seinem Weg? Welche Hürden müssen dabei genommen werden? Dabei ist es hilfreich, sich der Vision visuell in Form eines Moodboards zu nähern: Wofür stehe ich? Womit identifiziere ich mich? Was ist mir wichtig? Inspiration für das Moodboard findet man in Zeitschriften, durch Materialien, auf Fotos und Postkarten. Denn Visionen sind emotional, da es hier nicht nur um Umsatz und Finanzen geht, sondern auch darum, wofür man steht und warum man es macht.

Wir sind der Wandel: Was ist wichtiger, erst das Geschäftsmodell oder erst die Vision?

Röd: Die meisten Unternehmen haben – wenn auch unbewusst – erst eine Vision, bevor sie ihr Geschäftsmodell starten. Weil vielen jedoch nicht bewusst ist, warum sie etwas machen, ist es generell sinnvoll, sich mit seiner Vision auseinanderzusetzen. Denn durch die Antwort auf das „Warum“ erkennt man erst, welcher Wunsch hinter der Umsetzung des Geschäftsmodells steht. Und weil die Antwort auf das Warum auch eine Erklärung für die Motivation ist, ist die Entwicklung der Vision gleichzeitig auch eine Botschaft für Öffentlichkeit, Mitarbeiter, Investoren.


Irina Röd

Dr. Irina Röd, als selbstständige Unternehmensberaterin und Vortragende zu den Themen Geschäftsmodellentwicklung und Innovationsmethoden tätig, forscht zu Innovationen in Klein- und Mittelbetrieben. Dabei greift sie auf eine mehrjährige Erfahrung als Führungskraft in einem internationalen Konzern der Digitalbranche zurück. Ihr Buch Schritt für Schritt zum erfolgreichen Geschäftsmodell. Das Workbook für Kleinunternehmer, Gründer und Freelancer ist aktuell im Hanser Verlag erschienen.


Wir sind der Wandel: Gibt es dabei Hürden?

Röd: Ein Stolperstein kann sein, wenn Unternehmerinnen und Unternehmen zu sehr in die Zukunft planen. Zum Beispiel, wenn man sehr viel Zeit in die Produktentwicklung investiert, um das perfekte Produkt auf den Markt zu bringen. Besser ist, in kleinen Schritten zu starten, frühzeitig auf den Markt zu gehen und dabei so schnell wie möglich die Kunden miteinzubeziehen. So nämlich erfahren Unternehmerinnen und Unternehmen, ob Kunden ihr Produkt überhaupt wollen. Die Sorge, dass man mit einem unperfekten Produkt Kunden verprellt, kann mit einer entsprechenden Kommunikation aufgefangen werden. Wer explizit auf seine Beta-Version hinweist und kommuniziert, dass das ehrliche Kundenfeedback absolut gewünscht ist, muss nicht mit negativen Auswirkungen rechnen.

Eine weitere Hürde ist die Umsetzung. Denn die gute Idee ist das eine, viel entscheidender ist die Umsetzung der Idee. Aber auch hier gibt es viele Methoden, die dabei unterstützen, eine Struktur für den Umsetzungsprozess zu entwickeln. Mit der Zielsetzungsmethode Objectives and Key Results (OKR) beispielsweise setzt man sich nicht nur Ziele, sondern definiert auch die messbaren Resultate. Im Gegensatz zur Vision mit dem Zielbild, geht es bei OKR um konkrete Ziele, auf die das Unternehmen hinarbeitet. Auch hier würde ich visualisieren, indem ich die konkreten Ziele auf einem Poster darstelle und aufhänge. So nämlich weiß ich, was ich alles machen muss, um meine Ziele zu erreichen.

Eine weitere hilfreiche Methode sind Kanban-Boards, denn damit kann ich meinen Projektablauf und die Aufgaben visualisieren. Dabei hängen verschiedene Post-its (ein Post-it pro Aufgabe) in übersichtlichen Spalten, die der Reihe nach abgearbeitet, sowie nach Erledigung umgehängt werden. So schaffe ich nicht nur einen wichtigen Überblick über den aktuellen Arbeitsstatus, sondern vereinfache auch die Kommunikation im Team.

“Solo-Selbstständige sollten sich im Netzwerk Sparringspartner suchen”

Wir sind der Wandel: Sind diese Methoden für Unternehmen jeglicher Größe geeignet oder müssen kleine Unternehmen anders agieren?

Röd: Diese Methoden eignen sich für alle Unternehmen. Allerdings kennen gerade Solo-Selbstständige und kleine Unternehmen diese Methoden oft nicht. Dabei wären sie sehr hilfreich für sie, denn sie können sie wesentlich flexibler anwenden. In großen Konzernen, wo viele Mitarbeiter mit diesen Methoden agieren, ist es wichtig, die Methoden nach genauen Vorgaben und Regeln anzuwenden. Je kleiner ein Unternehmen hingegen ist, desto stärker kann es die Methoden nach seinen eigenen Wünschen anpassen. Für Solo-Selbstständige stellt der fehlende Sparringspartner hier oft eine Herausforderung dar. Denn bei diesen Methoden geht es auch darum, neue Ideen zu gewinnen und sich auszutauschen. Daher kann es sinnvoll sein, sich im Netzwerk entsprechende Sparringspartner zu suchen.

Sabine Hockling

Seit vielen Jahren schreibt die Journalistin und SPIEGEL-Bestsellerautorin u.a. für die Medien ZEIT ONLINE, ZEIT Spezial, SPIEGEL ONLINE über die Themen Management, Arbeitsrecht und Digitalisierung. Als Autorin, Herausgeberin und Ghostwriterin veröffentlicht sie regelmäßig Sachbücher.