Warum Haltung im Job mehr bewirkt als Lautstärke

Frau balanciert auf Eisenbahnschiene

Die Medienberaterin Jessica Reyes Rodriguez zeigt, wie Mut, Selbstwert und Charisma zusammenwirken – und wie eine klare Haltung Kompetenz in sichtbare Wirkung verwandelt.

Die Medienberaterin Jessica Reyes Rodriguez will mit ihren Buch „Cojones!“ aufrichten. Schon der Untertitel gibt die Richtung vor: selbstbewusst auftreten, klar kommunizieren, wirksam handeln, für sich einstehen. Der Kern des Buches ist schnell erfasst und zieht sich durch alle zehn Kapitel: Mut, Selbstwert und Charisma gehören für die Autorin zusammen. Sie beschreibt sie als drei Seiten derselben Kraft. Charisma, so ihr Ansatz, ist kein Geschenk, sondern die sichtbare Wirkung einer inneren Haltung.

Hier liegt das Problem, das das Buch in die Sprache der Arbeitswelt übersetzt: Viele Menschen kennen ihren Wert, zeigen ihn aber nicht. Sie weichen aus, sprechen unklar, nehmen Angriffe hin, relativieren ihre Kompetenz oder passen sich an – obwohl sie längst spüren, dass sie sich damit selbst schaden. Reyes Rodriguez zeigt, wie dieser Konflikt in ihrem eigenen Leben entstand. In der Einleitung schildert sie eine Kindheit, geprägt von Ausländerhass und Momenten, in denen sie sich Schutz und Verteidigung wünschte. Stattdessen lernte sie früh: Wer nicht als Opfer wahrgenommen werden will, muss Haltung entwickeln, Wissen aufbauen, Sprache beherrschen und Präsenz zeigen. Aus dieser Erfahrung entsteht das Buch. Es ist kein abstraktes Karrieremodell, sondern ein Erfahrungsmodell.

Kompetenz muss sichtbar werden

Das erste Kapitel zeigt, worauf es ankommt: nicht länger nur im Stillen Recht zu haben, sondern Wirkung zu erzielen. Reyes Rodriguez erzählt von einem entwürdigenden Praktikum in der Mode- und Fernsehbranche. Ein cholerischer Vorgesetzter überschüttet sie wegen eines falsch gekauften Quarks mit Verachtung, verbal und körperlich. Sie wird in die „Drecksarbeit“ abgeschoben, organisiert diesen Bereich jedoch neu, verbessert Abläufe, schafft Übersicht und gewinnt das Vertrauen des Teams. Später nutzt sie am Filmset eine Gelegenheit, handelt statt zu warten und gelangt so ins Kostümbild – ihren eigentlichen Einsatzort. Diese Episode ist mehr als eine Anekdote. Sie ist die Blaupause des Buches: Kompetenz muss sichtbar werden, oft zuerst unter widrigen Bedingungen.

Irrtümer und Mythen rund ums ArbeitsrechtBemerkenswert ist, dass das Buch innere Stabilität nicht mit Härte verwechselt. Die Autorin führt das Bild des „inneren Nests“ ein: einen psychischen Ort aus Erinnerungen, Zuspruch und Selbstvergewisserung. Dieses Motiv entspringt einem Satz ihrer Eltern, als sie einen großen beruflichen Schritt wagt: „Wenn du denkst, dass du so weit bist, dann mach es. Wenn es nicht funktioniert, komm zurück. Hier ist dein Zuhause.“ Daraus entwickelt sie eine zentrale These: Wer weich landen kann, wagt mehr. Selbstwert entsteht nicht durch Dauerlob, sondern durch innere Sicherheit.


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Wer klar spricht, setzt Grenzen

Für die Praxis wird das Buch dort stark, wo es Selbstwert direkt mit Kommunikation verknüpft, Reyes Rodriguez zeigt, wie oft Menschen ihre Kompetenz abschwächen – und damit ihre Wirkung zerstören. Ein Beispiel liefert ihre Arbeit als Designerin: Sie fertigt für einen schwierigen Kunden ein Kleidungsstück an, das ohne Korrektur passt. Statt den Erfolg kleinzureden, sagt sie klar: „Ich hab’s halt drauf. Ich habe ein echt gutes Augenmaß.“ Die Reaktion? Vertrauen und ein Folgeauftrag. Die Botschaft ist eindeutig: Sichtbare Kompetenz ist kein Makel, sondern Voraussetzung für Anerkennung. Das Buch argumentiert scharf gegen die kulturelle Prägung falscher Bescheidenheit.

Die Chefin-Talk – Frauen, die Zukunft gestaltenDas zweite und dritte Kapitel übersetzen diese Haltung in Sprache und Struktur. Klare Kommunikation, so die Autorin, beginnt mit innerer Klarheit. Wer vage spricht, lädt dazu ein, übergangen zu werden. Wer klar spricht, setzt Grenzen. Das zeigt sie an einer Szene, in der sie für einen Vortrag statt Honorar mit „Apfelkuchen“ abgespeist werden soll. Ihre Reaktion ist hart, witzig und unmissverständlich: Statt Kalorien fordert sie gerechte Bezahlung. Der Auftritt kostet sie den Auftrag – und genau das ist die Pointe. Nicht jeder Verlust ist eine Niederlage. Manche Absage ist der Preis für Selbstachtung. Das Buch nennt solche Fälle ein „ALP“ – ein Anderer-Leute-Problem.

Grenzen ziehen ist Positionsarbeit

Stark ist auch das Kapitel über Wirkung und Struktur. Reyes Rodriguez liefert ein kompaktes Modell für Pitches und Positionierung: Big Pain, Solution, Ego-Shoot, Call to Action. Erst das Problem der Zielgruppe benennen, dann die Lösung, dann die eigene Kompetenz zeigen und schließlich den nächsten Schritt klar formulieren. Kein akademisches Framework, aber praxistauglich. Besonders der dritte Schritt ist entscheidend: Die Autorin betont, dass Menschen sagen dürfen, warum gerade sie etwas können – nachvollziehbar und konkret, ohne Marketing-Blabla.

Die Zukunft des WissensIn Meetings und Verhandlungen führt das Buch diese Logik fort. Reyes Rodriguez beschreibt Situationen aus ihrem Modelabel, in denen Kundinnen von begleitenden Männern ungefragt „beraten“ werden: zu Preisen, Sortiment oder Wirtschaftslage. Der Punkt ist weniger die Einzelkränkung als das Muster. Wer keine klare Position hält, verliert sie. Wer den eigenen Wert nicht schützt, wird kommentiert, korrigiert und kleingeredet. Das Buch zeigt präzise: Grenzen ziehen ist keine Unfreundlichkeit, sondern Positionsarbeit.

Charisma entsteht durch Präsenz

Das fünfte Kapitel über Marketing verschiebt den Fokus von Struktur auf Resonanz. Einer der besten Sätze des Buches lautet: „Charisma entsteht nicht durch Perfektion, sondern durch Präsenz.“ Reyes Rodriguez erzählt von einem Vortrag, in dem sie offen zugibt, gedanklich ausgestiegen zu sein. Der Saal lacht, weil die Reaktion echt ist. Der Speaker hingegen scheitert, weil er stur an seinem Skript festhält. Für die Autorin ist das der Beweis: Menschen folgen keiner makellosen Fassade, sondern spürbarer Haltung. Ein Pitch überzeugt nicht allein durch Argumente, sondern durch das, was zwischen den Zeilen mitschwingt: Energie, Überzeugung, Echtheit.

Werbeflaeche ChangemakersKritisch wird das Buch dort, wo es seine Stärke zugleich begrenzt. Es setzt fast ausschließlich auf Erfahrung, Zuspitzung und Übung. Das macht es lebendig und umsetzbar, aber auch subjektiv. „Cojones!“ ist kein nüchterner Managementratgeber, sondern ein persönliches Wirkungsbuch mit Businessbezug. Wer systematische Modelle oder empirische Analysen sucht, wird weniger fündig als jemand, der sprachfähige Handlungssicherheit sucht. Doch genau das könnte seine Marktlücke sein: Dieses Buch will nicht erklären, warum Menschen sich kleinmachen. Es will, dass sie damit aufhören.

Die Lösung heißt Haltung

Die späteren Kapitel schärfen dieses Programm weiter. Resilienz bedeutet hier, Ablehnung nicht nur auszuhalten, sondern mit Würde zu kontern. Worte sollen schützen, nicht verletzen. Präsenz entsteht nicht durch große Gesten, sondern durch die Fähigkeit, sich nicht ständig anpassen zu wollen. Timing wird zum Machtfaktor: Ruhe, Pausen und Verzögerung wirken oft stärker als hektisches Kontern. Das Schlusskapitel verdichtet alles in ein prägnantes Bild: Wer eigentlich Vanille will, aber aus Gruppenzwang „Schlumpfeis“ bestellt, verrät sich selbst. Visionen scheitern selten an fehlendem Talent, sondern an Anpassung, falschem Umfeld und der Gewohnheit, die eigene Freude gegen Zugehörigkeit einzutauschen.

Chefsache – Entscheider im GesprächAm Ende bleibt eine klare Botschaft: „Cojones!“ ist ein Plädoyer gegen die leise Selbstentwertung im Berufsleben. Gegen das vage Sprechen. Gegen das Wegducken. Gegen falsche Bescheidenheit, die anderen nützt und einen selbst schwächt. Die Lösung ist nicht Lautstärke, nicht Dominanz, nicht Show. Die Lösung heißt Haltung. Wer seinen Wert kennt, ihn benennt, Grenzen zieht, Pausen aushält und die eigene Vision nicht verkauft, wirkt. Nicht irgendwann. Im Raum. Im Meeting. Im Pitch. Im entscheidenden Satz. Genau dort beginnt der Wandel.

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Sabine Hockling

Die Chefredakteurin Sabine Hockling hat WIR SIND DER WANDEL ins Leben gerufen. Die Wirtschaftsjournalistin und SPIEGEL-Bestsellerautorin beschäftigt sich seit über 20 Jahren mit den Veränderungen unserer Arbeitswelt. Als Autorin, Herausgeberin und Ghostwriterin veröffentlicht sie regelmäßig Sachbücher – seit 2023 in dem von ihr gegründeten DIE RATGEBER VERLAG.