„Angst hat nicht nur eine Ursache“

Mann steht bei Sonnenuntergang an Klippe

Angst gehört zum Leben, sie lässt uns auf unsere warnende Stimme hören. Gleichzeitig blockiert sie uns bis zur völligen Regungslosigkeit. Wie wir eine völlig neue Einstellung zum bisher beherrschenden Gefühl der Angst entwickeln können, erzählt die Psychologin Gabi Pörner im Interview.

Wir sind der Wandel: Sie sagen, Angst hat zu Unrecht einen schlechten Ruf. Inwiefern?

Gabi Pörner: Viele fühlen sich in angsteinflößenden Situationen wie gelähmt. Sie sind förmlich in ihrer Angst gefangen. Dabei kann die Angst ein entscheidender Antrieb für Veränderung sein. Vorausgesetzt, man erkennt, dass die Angst eine wertvolle biologische Antwort auf Gefahr oder Bedrohung ist. Dazu aber muss man eine völlig neue Einstellung zum bisher beherrschenden Gefühl der Angst entwickeln.

Stellen wir uns unseren Ängsten, gewinnen wir an Sicherheit, Klarheit, Kraft und Kompetenz. Wer also ängstlich ist, sollte nicht dem Fluchtimpuls folgen, sondern innehalten und sich fragen: Was kann ich gewinnen und dazulernen, wenn ich mich der angsteinflößenden Situation stelle?

„Angst macht aufmerksam und wach“

Wir sind der Wandel: Warum ist das Thema Angst so ein Tabu?

Pörner: Angst wird immer noch mit Schwäche verbunden. Dabei ist es normal, Angst vor dem Neuen und Ungewissen zu haben. Denn sie dient dazu, uns zu warnen, zu schützen und letztlich das Überleben zu sichern. Wer also versteht, dass Angst aufmerksam und wach zum Handeln macht, empfindet es auch nicht als Tabu.

Wir sind der Wandel: Was ist die Ursache von Ängsten?

Pörner: Häufig hat Angst nicht nur eine Ursache. Vielmehr handelt es sich um ein Zusammenkommen von Persönlichkeitseigenschaften, Erfahrungen und Konditionierungen in Verbindung mit biologischen, sozialen und situationsbedingten Faktoren. Das heißt, es genügt nicht, vom Verstand her zu wissen, dass man etwas ändern will, um die angsteinflößende Situation aufzubrechen. Denn meist sind starke unbewusste innere Kräfte am Werk, die schneller und hartnäckiger als der rationale Verstand sind. Und weil diese inneren Kräfte Vorsätze durchkreuzen und Ziele sabotieren, handeln wir immer wieder nach den gleichen Mustern. Obwohl wir unser Verhalten eigentlich ändern wollen.


Gabi Pörner

 

Die Psychologin Gabi Pörner ist Expertin für Persönlichkeitsentwicklung und Veränderungskompetenz. Ihr Ziel: Menschen zu ermutigen, ihren eigenen Weg zu gehen und erfüllt zu leben. Jüngst ist ihr Buch Aus der Angst in die Kraft bei Fischer & Gann erschienen.


Wir sind der Wandel: Unterscheiden sich die Ängste von Frauen und Männern?

Pörner: Aufgrund der Tradition haben viele Männer gelernt, stark zu sein. Und weil sie stark sein müssen, definieren sie sich auch über Stärke und Kompetenz. Gefühle zuzulassen, ist für Männer daher eine Herausforderung. Und weil Ängste Gefühle sind, lassen Männer Ängste weniger zu. Frauen hingegen sind traditionell eher emotional. Daher ist es für viele auch eine Herausforderung, sich abzugrenzen und für sich einzustehen. Allerdings ändert sich das seit geraumer Zeit – beide Geschlechter lösen sich zunehmend aus diesen traditionellen Rollen, übernehmen Verantwortung für ihre eigene Entwicklung, gewinnen noch mehr an innerer Sicherheit und können dadurch ihr wirkliches Potenzial entfalten.

„Rasche Hilfe zur Beruhigung und Regulierung der Gefühle und Gedanken ist, wenn man sich an seine Stärken erinnert“

Wir sind der Wandel: Sie haben die „Toolbox für den Notfall“ entwickelt. Wie genau funktioniert die?

Pörner: Die Toolbox ist eine Art Notfallkoffer. Wer vor einer herausfordernden Situation steht, trotz bestem Wissen angespannt und nervös ist, kann mit der Toolbox aktiv gegensteuern – damit sich negative Gedanken und Gefühle schnell wieder beruhigen. Denn die persönliche Toolbox besteht aus Übungen und Instrumenten, die einen wieder mit seiner inneren Kraft verbindet – und so für die Aufgabe bzw. Situation konzentriert ist. Welche Übungen und Instrumente hilfreich sind, muss jeder für sich individuell herausfinden. Wichtig ist, frühzeitig mit den Übungen zu beginnen, damit man gut trainiert und automatisiert an diese Erfahrungen andocken und ihre Wirkung sofort wahrnehmen kann. Rasche Hilfe zur Beruhigung und Regulierung der Gefühle und Gedanken ist unter anderem, wenn man sich an seine Stärken erinnert und sich mit ihnen verbindet, sowie sich gleichzeitig durch eine aufrechte Haltung und tiefes, langsames Ausatmen stabilisiert.

Sabine Hockling

Seit vielen Jahren schreibt die Journalistin und SPIEGEL-Bestsellerautorin u.a. für die Medien ZEIT ONLINE, ZEIT Spezial, SPIEGEL ONLINE über die Themen Management, Arbeitsrecht und Digitalisierung. Als Autorin, Herausgeberin und Ghostwriterin veröffentlicht sie regelmäßig Sachbücher.