„Die meisten Versicherer sind zu weit weg von den Kundenwünschen“

Nina Gscheider

Die Versicherungsbranche muss sich ins 21. Jahrhundert bewegen. Dafür aber müsste sie ihre Produkte zerstören, wofür ihr die Innovationskraft fehlt, ist Nina Gscheider überzeugt – und zeigt mit Segurio, wie es besser geht.

Die Versicherungsbranche muss enorme Herausforderungen bewältigen: technologiebasierter Wandel, großer Wettbewerbsdruck, steigende Kundenerwartungen und Kosten. Auch ist kaum eine Branche mit Unterlagen in Papierform und langwierigen Kommunikationsprozessen noch derart in der alten Welt verhaftet. Und weil nachhaltiger Erfolg nicht mehr durch die Schadensregulierung und -abwicklung gesichert wird, sondern durch Flexibilität und Prävention, muss es Versicherern gelingen, die Marktanforderungen zu erfüllen. Was Nina Gescheider tut. Die 36-Jährige gründete mit Franz Ihm 2018 Segurio, eine Plattform, wo Lieblingsstücke online, mit kurzen Laufzeiten und transparenten Verträgen versichert werden können.

Wir sind der Wandel: Was war Ihre Motivation, Segurio zu gründen?

Gscheider: Wir waren der Meinung, dass die Versicherungsbranche eine große Portion Innovation braucht. Jahrelange Bindungsfristen, Papier ohne Ende und vor allem kein zeitgemäßer Service sind in der Versicherungsbranche Standard. Wir finden, die Zeit ist reif für neue, simple Produkte, die für alle schnell und flexibel zugänglich sind.

Wir sind der Wandel: Welche Produkte bieten Sie an?

Gscheider: Unsere Produkte gab es vorher nicht, daher mussten wir zunächst unsere Versicherungen sowie die Bedingungen entwickeln. Im nächsten Schritt suchten wir Versicherungspartner, die mit uns diesen Weg gehen und die Risiken tragen wollten. Denn unsere Produkte sind einmalig auf dem Versicherungsmarkt, sie sind individuell auf unsere Kunden zugeschnitten. Im Grunde sind sie so flexibel wie die Antwort auf die Frage: Was ist wertvoll? Für den einen ist der Ehering für 500 Euro sehr wertvoll, für andere ist etwas erst wertvoll ab einem Wert von 5.000 Euro.

Wir sind der Wandel-NewsletterBei uns können Kund:innen ihre Lieblingsteile, auch ganze Sammlungen, online versichern. Die Versicherungen gelten weltweit, haben eine monatliche Laufzeit (verlängern sich entsprechend alle vier Wochen) und können jederzeit ergänzt oder gekündigt werden. Dabei ist alles sehr simpel, serviceorientiert und transparent aufgebaut. Für einen Ring im Wert von 1.000 Euro kostet unsere Versicherung im Monat sechs Euro, eine Uhr im Wert von 10.000 Euro kostet monatlich 29,80 Euro, eine Handtasche (25.000 Euro) liegt bei 34,40 Euro, eine Violine (30.000 Euro) bei 10,20 Euro, ein Laptop (2.000 Euro) bei 7,80 Euro und eine Kunstsammlung (100.000 Euro) gibt es für 29,80 Euro. Weil die Risiken unterschiedlich hoch sind, passen sich die Prämien entsprechend an.

„Versicherungen bewegen sich wie große Tanker, langsam und stetig demselben Kurs folgend“

Wir sind der Wandel: Wenn Sie mit Versicherungen zusammenarbeiten, warum bieten die Ihre Versicherungsprodukte nicht selbst an?

Gscheider: Versicherungen bewegen sich wie große Tanker, langsam und stetig demselben Kurs folgend. Und sie haben viel zu verlieren. Denn noch laufen ihre Geschäfte und ist ihr Image gut. Ferner müssen sie bis zu 60 Prozent einer Versicherungsprämie für ihre administrativen Kosten (Policierung, Datenpflege, Kunden – und Maklerbetreuung) aufwenden. Ein Aspekt, der dem Online-Vertrieb in die Karten spielt. Wir hingegen verwenden Google & Co und brauchen keine repräsentativen Gebäude in Großstädten. Deshalb können wir unsere Produkte zeitlich flexibler sowie günstiger anbieten.

Wir sind der Wandel: Wer nutzt Ihre Produkte?

Gscheider: Als wir Segurio gegründet haben, sind wir davon ausgegangen, dass unsere Digitalprodukte vor allem von jungen Großstädtern ab 20 Jahren nachgefragt werden. Nach einem Jahr haben wir festgestellt, dass unsere Kund:innen etwa Mitte 40 bis 50 Jahre alt sind und nicht vorwiegend in Großstädten leben. Ihre Wechselgründe: schlechte Erfahrungen im Schadensfall, der Wunsch nach einer Onlineabwicklung sowie das Interesse an transparenteren, flexibleren und weniger umfangreichen Versicherungsbedingungen. In der alten Versicherungswelt ist man als Kund:in ja außen vor.

Wir sind der Wandel: Was war die größte Herausforderung bei Ihrer Gründung?

Gscheider: Einerseits die Technik, denn wir benötigen ein System, dass sowohl zum Kunden als auch zum Versicherer funktioniert. Das gesamte System aufzubauen hat gut ein Jahr gedauert. Danach ging es noch in viele Testphasen. Andererseits die hohe Anfangsinvestition. Zum Schutz der Kunden müssen wir gesetzliche sowie regulatorische Anforderungen erfüllen. Dementsprechend gut mussten auch unsere Versicherungspartner ausgewählt und überzeugt werden.

„Die Branche reagiert viel zu langsam auf Innovationen und regelt vieles über den Preis“

Wir sind der Wandel: Wie haben die Versicherungen auf Ihre Anfrage reagiert?

Gscheider: Bevor ich Segurio gegründet habe, war ich im Bereich Fundraising für den Münchner Kunstverein, im privaten Kunst-Sammlungsmanagement sowie für eine Kunstversicherung tätig. Hier konnte ich Kontakte zu Versicherern von Spezialbranchen knüpfen. Denn am Ende ist ein Gemälde nicht weit entfernt von einer wertvollen Handtasche. Dementsprechend waren viele Versicherungen nicht abgeneigt. Vor allem weil ihnen die Strukturen fehlen, unsere Produkte selbst anbieten zu können.

Wir sind der Wandel: Ist die Versicherungsbranche, so wie sie jetzt ist, noch zeitgemäß?

Gscheider: Nein. Die Branche reagiert viel zu langsam auf Innovationen und regelt vieles über den Preis. Auch sind die meisten Versicherer zu weit weg von den Kundenwünschen und bieten wenig Überblick über die Versicherungsleistungen und -kosten. Meist zeigt sich daher auch erst im Schadensfall, ob man sich für den richtigen Versicherungspartner entschieden hat. Kommt es an dieser Stelle zu Vertrauensverlust, Frust und Enttäuschung, liegt das meist an der komplexen Vertragsstruktur und der mangelnden Kommunikation. Bei beiden Aspekten liegt der Ball auf Seiten der Versicherung.

„Bis diese Branche sich transformiert hat, werden noch viele Jahre vergehen“

Wir sind der Wandel: Vor welchen großen Herausforderungen steht die Versicherungsbranche?

Gscheider: Die gesamte Branche muss sich ins 21. Jahrhundert bewegen. Je mehr Innovationen, desto besser. Dafür müssten Versicherungen aber ihre Produkte völlig neu denken und ihre bisherigen zerstören – was ein sehr herausfordernder Schritt ist. Gleichzeitig verändert sich das Leben der Kund:innen rasant. Allein durch die Pandemie sind wir alle privat wie beruflich mobiler geworden. Die Versicherungen aber sind es nicht. Die können bei einem Ortswechsel beispielsweise nicht einfach mit umziehen. Oder die Bedingungen bei Hausratversicherungen. Es macht doch schon lange keinen Sinn mehr, den Wert des Haurats an die Quadratmeter zu koppeln.

Bis diese Branche sich transformiert hat, werden noch viele Jahre vergehen. Je mehr junge und kleine Unternehmen mit guten Ideen auf den Markt streben, desto besser für die gesamte Branche und die Kund:innen.

Wir sind der Wandel: Vor welchen Herausforderungen steht Segurio?

Gscheider: Wir probieren viel aus und bauen neue Partnerschaften und Netzwerke (auch ungewöhnliche) aus. Unsere Kund:innen sind begeistert, wie einfach unsere Produkte funktionieren und wie schnell die Abwicklung ist. Am Ende aber ist und bleibt unsere größte Herausforderung die Frage, wie wir Verbrauch:innen erreichen und überzeugen können. Wir sind halt kein Konzern mit entsprechend großem Marketing-Budget.

Wir sind der Wandel: Wo steht Segurio in fünf Jahren?

Gscheider: Ich freue mich, wenn man in ein paar Jahren wie selbstverständlich einen Segurio-Account hat. Coole Lieblingsteile hat schließlich jeder und die sollte man auch versichern.

Sabine Hockling

Seit vielen Jahren ist die Journalistin und SPIEGEL-Bestsellerautorin mit ihrem Redaktionsbüro Die Ratgeber u.a. für die Medien ZEIT ONLINE, ZEIT Spezial, SPIEGEL ONLINE tätig. Ihre Themen reichen dabei von Arbeitsrecht, Digitalisierung bis zu Management und Transformation. Als Autorin, Herausgeberin und Ghostwriterin veröffentlicht sie regelmäßig Sachbücher.