„Eine junge Frau in einer Gruppe älterer Männer ist die größtmögliche Abweichung“

Strümpfe mit dem Aufdruck Girls Rule

Die Strukturen in Unternehmen sind immer noch stark von Männern geprägt. Wie man sich in diesem Umfeld als Frau erfolgreich verhält, ohne sich verbiegen zu müssen, erzählt die Führungskräftetrainerin Marion Knaths im Interview.

Wir sind der Wandel: Was war die Motivation für Ihr Buch „FrauenMACHT!“?

Marion Knaths: Als ich 2007 mein Buch „Spiele mit der Macht: Wie Frauen sich durchsetzen“ veröffentlichte, hatten wenig Frauen in Unternehmen eine Führungspositionen und erhielten dementsprechend kaum die Möglichkeit, an Führungskräftetrainings teilzunehmen. Weil die Strukturen in Unternehmen fast 15 Jahre später noch immer stark von Männern geprägt sind, wollte ich meine Erfahrungen der letzten 15 Jahre weitergeben und Frauen zeigen, wie sie sich heute in diesem Umfeld als Frau erfolgreich verhalten können, ohne sich dabei verbiegen zu müssen.

Wir sind der Wandel: Seit vielen Jahren sprechen wir darüber, dass die männlich geprägten Strukturen in Unternehmen Frauen trotz ihrer fachlichen Exzellenz ausbremsen. Maßnahmen wie zum Beispiel die Frauenquote werden widerwillig umgesetzt. Wie sind diese verkrusteten Strukturen aufzubrechen?

Knaths: Es gibt große Beharrungskräfte, dementsprechend benötigen wir hier offensichtlich einen längeren Atem – beispielsweise in Form der Frauenquote. Wenn man sich länger mit dem Thema beschäftigt, sieht man, dass sich ohne politischen Druck wenig ändert. Dabei muss keine Frau die Sorge haben, als Quotenfrau tituliert zu werden. Wer seinen Job gut macht, für den spricht in der Regel in kürzester Zeit die Leistung. Und wer seinen Job schlecht macht, ist ihn auch schnell wieder los – Quote hin oder her.


Marion Knaths

 

Nach einem Studium an der Wirtschaftsakademie Hamburg begann Marion Knaths Karriere beim Otto Versand. Im Jahr 2004 machte sie sich als Unternehmensberaterin selbstständig. Ihre Firma sheboss bietet Führungsseminare und Coachings für Frauen an.


Ich verstehe die Auseinandersetzung bezüglich der Frauenquote auch nicht. Die letzten Jahrhunderte waren geprägt von einer 100-prozentigen Männerquote in Bereichen, in denen sich Geld verdienen ließ. Sie wurde nur nicht „Quote“ genannt, sondern war qua Geschlecht schlicht vorgegeben. Ich habe nie erlebt, dass sich darüber jemals ein Mann beschwert hätte. Bis wir also nicht einen deutlich höheren Anteil von Frauen in verantwortungsvollen Positionen haben, ist meiner Meinung nach die Frauenquote notwendig.

„Häufig sehen männliche Führungskräfte sich selbst in jungen männlichen Kollegen – man spricht hier von dem Similar to me-Effekt“

Wir sind der Wandel: Warum sträuben sich Unternehmen dagegen, Frauen wie Männer gleichermaßen zu fördern und zu bezahlen?

Knaths: Offiziell sträuben sie sich nicht. Vielmehr wird ja behauptet, dass Frauen entweder nicht gut genug sind oder gar nicht wollen. Auch passiert vieles im Unterbewusstsein und neigen Menschen zu Homosozietät. Das heißt, wir suchen uns gerne Menschen wie unsereins. Dementsprechend ist eine junge Frau in einer Gruppe älterer Männer die größtmögliche Abweichung. Nimmt die Gruppe hingegen einen jüngeren Mann auf, ist es eine geringere Abweichung.

Wir sind der Wandel: Wie kann man hier gegensteuern?

Knaths: Häufig sehen männliche Führungskräfte sich selbst in jungen männlichen Kollegen – man spricht hier von dem Similar to me-Effekt: Aus dem wird mal was. Der erinnert mich an mich, als ich so jung war. Sitzen in einem Vorstand nur Männer, kann ich als junge Kollegin dieses Gefühl natürlich nicht erzeugen. Wenn aber mehr Frauen im Vorstand sind, kann es durchaus passieren, dass eine Vorständin sich in einer jungen Kollegin wiedersieht und sie entsprechend fördert. Daher braucht es für mehr Durchmischung und Chancengleichheit mehr Ermutigung von außen – zum Beispiel durch die Frauenquote.

Wir sind der Wandel: Nun betrifft die aber gar nicht viele Unternehmen.

Knaths: Als ich 2004 sheboss gründete, musste ich für unsere Führungskräftetrainings von Frauen für Frauen Kaltakquise betreiben. Die Reaktion der Personalleiter, die ich damals anrief, war sehr ernüchternd. Viele kamen aus dem Lachen gar nicht mehr heraus und erklärten unumwunden, dass bei ihnen keine Frauen in Führungspositionen existierten. Das ist heute zum Glück anders!

„Wer etwas verändern will, muss es einfach nur machen“

Wir sind der Wandel: Was raten Sie männlichen Führungskräften, die diese Strukturen aufbrechen und langfristig ändern möchten?

Knaths: Wer etwas verändern will, muss es einfach nur machen. Das heißt, wer mehr weibliche Führungskräfte möchte, sollte gezielt nach Frauen schauen und sie auf Führungspositionen setzen. Ferner ist ein Wandel schneller und günstiger, wenn die Veränderung von der Unternehmensspitze gefordert und vorgelebt wird. Und weil Organisationen in der Regel nach Zielvorgaben gesteuert werden, und Bonuszahlungen üblich sind, brauche ich doch nur die Zielvorgabe „mehr Frauen in Führungspositionen“ ausrufen und sie an die Bonuszahlungen koppeln.

Wir sind der Wandel: Was kann jede Frau konkret tun, um nicht von den Rahmenbedingungen ausgebremst zu werden?

Knaths: Es gibt die unterschiedlichsten Ansätze. Wir bei sheboss stärken Frauen im Beruf und ermutigen sie, mehr Verantwortung zu übernehmen. Wir unterstützen sie bei ihrem Weg – der ja noch immer ein widriger ist. Denn wer die Spielregeln der hierarchischen Kommunikation kennt und beherrscht, kann erfolgreicher und gelassener agieren. Meine Erfahrungen zeigen, dass das für viele Frauen sehr hilfreich ist. Vor allem, weil es vielen Frauen eben nicht vom Elternhaus oder der Familie vermittelt wurde. Wer die Spielregeln versteht, kann sich dazu verhalten sowie sie auch mal gezielt brechen.

Agiere ich hingegen auf einem Spielfeld, dessen Spielregeln ich nicht verstehe, gerate ich immer wieder in Situationen, die unglücklich laufen. Gleichzeitig verstehe ich nicht, was gerade passiert ist. Deshalb sind die Spielregeln der professionellen Kommunikation in großen Organisationen der Kernpunkt meiner Arbeit – sowie Schwerpunkt meines Buches FrauenMACHT!. Und weil ich Spielregeln lernen kann, ist es am Ende auch egal, ob Frauen wegen der Sozialisation oder Biologie benachteiligt werden. Vielmehr ist wichtig, dass Frauen sich gegenseitig bestärken und unterstützen, um gegen die Benachteiligung vorzugehen.

„Doris hat gesagt, das war suboptimal“

Wir sind der Wandel: Eine letzte Anregung?

Knaths: Klappt etwas nicht, neigen viele Frauen dazu, sich das sehr zu Herzen zu nehmen sowie sich lange damit grübelnd zu beschäftigen. So ging es auch mir bis 2005. Wendepunkt für mich war damals das Verhalten von Altkanzler Gerhard Schröder, nachdem er sich kurz vorher in der Elefantenrunde danebenbenommen hatte. Auf dieses Ereignis angesprochen, erwiderte Schröder ein paar Tage später lapidar, dass seine Ehefrau Doris anschließend gesagt hätte, dass das suboptimal war. Was ich damit sagen will: Eine Frau hätte sich anschließend tagelang versteckt, während ein Mann lediglich sagt: Doris hat gesagt, das war suboptimal. Nicht er, Schröder, sah in seinem Verhalten ein Fehlverhalten, sondern seine Frau!

Wenn ich heute Situationen erlebe, die nicht funktionieren, denke ich natürlich darüber nach, was ich zukünftig besser machen kann. Ich gräme mich aber nicht mehr tagelange, sondern sage mir meinen „Erlösungssatz“: Doris hat gesagt, das war suboptimal!

Sabine Hockling

Seit vielen Jahren schreibt die Journalistin und SPIEGEL-Bestsellerautorin u.a. für die Medien ZEIT ONLINE, ZEIT Spezial, SPIEGEL ONLINE über die Themen Management, Arbeitsrecht und Digitalisierung. Als Autorin, Herausgeberin und Ghostwriterin veröffentlicht sie regelmäßig Sachbücher.