Eltern am Limit

Mann geht durch Unterführung

Drei Viertel der befragten Eltern fühlen sich seit der Pandemie überfordert und leiden unter Schuldgefühlen, so eine aktuelle Studie von BetterUp und YouGov.

Lockdown, Schulschließungen, Home-Schooling und ganz nebenbei Vollzeit arbeiten – die letzten beiden Jahre waren insbesondere für berufstätige Eltern hart. Wie stark sich Stress und permanentes Multitasking tatsächlich auf die Gesundheit und Arbeitsleistung ausgewirkt haben, zeigt eine aktuelle Studie des Coaching-Anbieters BetterUp unter mehr als 1.000 berufstätigen Eltern aus ganz Deutschland.

Demnach hatten knapp drei Viertel (73 Prozent) der Befragten in den vergangenen Monaten das Gefühl, sich zwischen Arbeit und Kinderbetreuung aufzureiben und den Anforderungen nicht gerecht zu werden. Die Mehrheit (76 Prozent) von ihnen leidet deshalb unter Schuldgefühlen.

Dauerbelastung führt zu Problemen beim seelischen Wohlbefinden

Nicht selten führt die Dauerbelastung zu Problemen beim seelischen Wohlbefinden: 27 Prozent der Befragten gaben an, dass sie sich in den vergangenen drei Monaten mindestens einmal nicht in der Lage gefühlt haben, regulär zu arbeiten – aufgrund mental bedingter Faktoren wie Stress, Sorgen, Schlafmangel oder Konzentrationsschwierigkeiten. Nur wenige sprechen das Thema offen bei ihrem Arbeitgeber an, fast die Hälfte von ihnen (47 Prozent) schweigt und versucht, irgendwie mit den Herausforderungen fertig zu werden.


Über die Studie
Die Ergebnisse sind Teil einer deutschlandweiten Studie des Coaching-Unternehmens BetterUp in Zusammenarbeit mit dem Marktforschungsunternehmen YouGov. Befragt wurden insgesamt 1.017 berufstätige Eltern (574 Frauen, 436 Männer) in Vollzeitbeschäftigung aus allen Bundesländern. 99 Prozent von ihnen haben mindestens ein Kind unter 18 Jahren. 82 Prozent der Befragten leben in einer Partnerschaft und 18 Prozent sind alleinerziehend. Befragungszeitraum: 18. bis 25. Januar 2022.


Frauen (53 Prozent) haben insgesamt stärker mit der Doppelbelastung im Homeoffice zu kämpfen als Männer (40 Prozent), da sie in der Regel die Hauptlast bei der gemeinsamen Kinderbetreuung tragen – nach eigener Einschätzung zu 189 Prozent mehr als Männer. Unabhängig vom Geschlecht musste jede:r Zweite (48 Prozent) in den letzten drei Monaten aufgrund der seelischen Belastung eine Auszeit nehmen. Statt das Thema jedoch beim Namen zu nennen, schoben die Befragten in mehr als der Hälfte der Fälle (63 Prozent) andere Gründe vor und erfanden Notlügen.

Belastung steigt – Unterstützung nicht

Angesichts der hohen Belastung sehen berufstätige Eltern bei ihrem Arbeitgeber noch Nachholbedarf in Sachen Support: Nur 47 Prozent haben das Gefühl, dass ihrem Unternehmen ihr Wohlbefinden am Herzen liegt. Im Umkehrschluss fühlt sich fast jede:r Zweite in dieser Hinsicht nicht wahrgenommen. Im Zuge der Pandemie sahen sich demnach nur wenige Unternehmen dazu angehalten, ihre Mitarbeitenden in Form von zusätzlichen Sozialleistungen, Prämien, Weiterbildungsangeboten oder Coachings zu unterstützen.

Das hat direkte Auswirkungen auf die Leistung und Loyalität der Angestellten: Mitarbeitende, die das Gefühl haben, dass ihr Arbeitgeber sich nicht ausreichend um ihr Wohlergehen kümmert, kündigen mit einer 42 Prozent höheren Wahrscheinlichkeit als diejenigen, deren Arbeitgeber sich um Unterstützung bemüht. Demnach gab eine:r von drei Befragten an, über einen Wechsel in einen flexibleren Job nachzudenken. Eine:r von vier zieht sogar in Erwägung, sich gänzlich aus dem Erwerbsleben zurückzuziehen.

Mentale Gesundheit ist Gesundheit

Der Studie zufolge wünschen sich die Teilnehmenden insgesamt mehr Unterstützung von Seiten ihres Arbeitgebers. Dabei erachten sie folgende Punkte als besonders hilfreich:

  • Ein vertrauensvolles Arbeitsumfeld, in dem Themen rund um mentale Gesundheit offen angesprochen werden (39 Prozent).
  • Eine offizielle Erklärung der Personalabteilung, dass Krankheitstage auch das Thema mentale Gesundheit miteinschließen (31 Prozent).
  • Eine offene Kommunikation über die Bedeutung von regelmäßigen Urlaubstagen für das seelische Wohlergehen (27 Prozent).

„Durch die Pandemie ist die Belastung insbesondere für berufstätige Eltern gestiegen. Unabhängig von der familiären Situation haben Probleme mit mentaler Gesundheit bei vielen Berufstätigen während der Pandemie zugenommen, gleichzeitig sind Sensibilität und Anerkennung für die Doppelbelastung auf Unternehmensseite in den meisten Fällen ausgeblieben“, so Erin Eatough, Manager of Behavioral Science und Lead Researcher, BetterUp Labs.

„Anstatt Sorgen und Nöte offen anzusprechen, hat fast die Hälfte der Befragten unserer Studie seelische Tiefs lieber stillschweigend ertragen. Die Mehrheit der Personen, die sich aus Gründen der mentalen Gesundheit freigenommen haben, hat eine Ausrede genutzt. Dieses Verhalten zeigt, wie stigmatisiert das Thema nach wie vor ist und dass es noch viel zu tun gibt, um sowohl die reaktive als auch die präventive Selbstfürsorge für psychische Gesundheit zu normalisieren. Es gilt zu verstehen: Mentale Gesundheit ist Gesundheit.“

Mentale Gesundheit ernst nehmen und Angestellte unterstützen

Die Studie legt nahe, dass Unternehmen langfristig viel stärker auf die veränderten Bedürfnisse von Mitarbeitenden eingehen müssen, um Kündigungen zu verhindern und eine langfristige Zufriedenheit der Belegschaft zu erreichen. Dazu zählen beispielsweise flexiblere Arbeitszeiten, kulantere Urlaubsregelungen und finanzielle Unterstützung bei der Kinderbetreuung.

Ebenso wichtig ist ein sicheres Arbeitsumfeld, das Rückhalt gibt: Angebote zur psychologischen Betreuung oder regelmäßige Gesprächsformate, in denen auch Herausforderungen offen thematisiert werden können, bilden die Grundlage für eine Kultur des Vertrauens, die die Zufriedenheit und Produktivität aller Beschäftigten nachhaltig fördert.