Gründungsrekord mit Schattenseite: Der Boom bleibt im Nebenerwerb

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Deutschland erlebt so viele Gründungen wie seit Jahren nicht mehr. Doch 70 Prozent der Gründer:innen wagen den Schritt nur nebenbei. Warum der Rekord keinen echten Unternehmerboom auslöst.

Deutschland gründet so viel wie lange nicht. Doch die Rekordzahlen gehen vor allem auf junge Menschen, Nebenerwerb und kleine Strukturen zurück. Zwei Studien zeigen, was den Aufschwung wirklich trägt.

Irrtümer und Mythen rund ums ArbeitsrechtDeutschlands Gründungen erreichen neue Höchststände. Der „Global Entrepreneurship Monitor“ (GEM) meldet für 2025 eine Gründungsquote von 13 Prozent – den höchsten Wert seit Beginn der Erhebung. Unter 26 wirtschaftlich vergleichbaren Ländern liegt Deutschland damit auf Rang sechs. Der KfW-Gründungsmonitor zählt rund 690.000 Existenzgründungen, 105.000 mehr als 2024.

Die Zahlen signalisieren Aufbruch, reichen aber nicht für einen Unternehmerboom. Der GEM erfasst 18- bis 64-Jährige, die eine Gründung vorbereiten oder in den vergangenen dreieinhalb Jahren gegründet haben. Die KfW zählt die 2025 vollzogenen Schritte in die Selbstständigkeit. Die Ergebnisse ergänzen sich, sind aber nicht gleichzusetzen.

Der Aufschwung findet im Nebenerwerb statt

Die KfW-Daten zeigen, woher das Wachstum kommt. Von den 690.000 Gründungen entfielen 483.000 auf den Nebenerwerb und 206.000 auf den Vollerwerb. Letztere stagnieren das dritte Jahr in Folge, während der Nebenerwerbsanteil auf den Rekordwert von 70 Prozent steigt. 59 Prozent der Nebenerwerbsgründenden behalten ihre Anstellung.

Chefsache – Entscheider im GesprächDas kann wirtschaftlich sinnvoll sein: Wer parallel arbeitet, begrenzt das Risiko und testet die Geschäftsidee. Doch daraus entstehen selten wachsende Unternehmen. Nur 21 Prozent wollen binnen eines Jahres in den Vollerwerb wechseln. Im langjährigen Mittel schaffen das acht Prozent. Vollerwerbsgründungen halten sich besser und schaffen häufiger Arbeitsplätze.

Auch die Strukturen mahnen zur Nüchternheit. 86 Prozent gründen neu, nur zehn Prozent übernehmen bestehende Firmen, vier Prozent beteiligen sich aktiv. 86 Prozent starten allein; 68 Prozentpunkte entfallen auf Soloselbstständige ohne Beschäftigte. Nur 24 Prozent der Gründer:innen werden Arbeitgeber. Mehr Gründungen schließen die von der KfW beschriebene Nachfolgelücke im Mittelstand also nicht automatisch.

Einkommen gewinnt als Motiv an Gewicht

Beide Studien verbinden den Anstieg mit wirtschaftlichem Druck, setzen aber unterschiedliche Schwerpunkte. Im GEM nannten 62,1 Prozent als Motiv, ihren Lebensunterhalt zu verdienen, weil Arbeitsplätze rar seien; im Vorjahr waren es 52,5 Prozent. 65,4 Prozent streben großen Wohlstand oder ein sehr hohes Einkommen an. Mehrfachnennungen waren möglich.

Die KfW fragte nach dem wichtigsten Motiv. Bei Nebenerwerbsgründungen dominiert ein höheres oder zusätzliches Einkommen mit 40 Prozent, nach 32 Prozent im Vorjahr. Drohende Arbeitslosigkeit spielt als direktes Motiv keine größere Rolle. Das spricht gegen die einfache Erzählung von Gründungen aus Not. Häufig entsteht aus einer Anstellung heraus ein zweites Standbein.


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Junge Menschen und Zugewanderte treiben die Entwicklung

Vor allem Jüngere gründen häufiger. Im GEM sprang die Quote der 18- bis 24-Jährigen binnen eines Jahres von 12,9 auf 23,4 Prozent, bei den 25- bis 34-Jährigen von 16,5 auf 22,2 Prozent. Im KfW-Monitor gehen 40 Prozent aller Existenzgründungen auf Menschen unter 30 zurück. Von ihnen gründen 22 Prozent direkt aus dem Studium.

Gruppe von Personen steht vor Wand mit NotizenMenschen mit Einwanderungsgeschichte gründen ebenfalls überdurchschnittlich oft. Ihre GEM-Quote liegt bei 18,8 Prozent, gegenüber 12,1 Prozent bei Menschen ohne Migrationshintergrund. Die KfW bestätigt das Muster: Menschen mit Einwanderungsgeschichte stellen 28 Prozent der Erwerbsbevölkerung, aber 34 Prozent der Gründenden.

Bei Frauen zeigt sich ein widersprüchliches Bild. Der GEM misst mit 10,9 Prozent eine Rekordquote; 42 von 100 frühen Gründungsaktivitäten entfallen auf Frauen. Die KfW registriert bei den vollzogenen Gründungen einen Frauenanteil von 35 Prozent. Im Vollerwerb sinkt er von 33 auf 27 Prozent. Hohe Aktivität am Anfang führt also noch nicht zu gleicher Beteiligung im Vollerwerb.

Digital heißt nicht automatisch innovativ

44 Prozent der KfW-Gründungen bieten digitale Produkte oder Dienstleistungen an, im Nebenerwerb sind es 46 Prozent. Zugleich entstehen 70 Prozent aller Gründungen im Dienstleistungssektor. Digitale Technik senkt Markteintrittshürden und eröffnet neue Geschäftschancen. Doch daraus folgt kein hoher Innovationsgrad.

Anzeige GehaltstrainingDer GEM weist für 11,6 Prozent der frühen Gründungsaktivitäten Produkte und Dienstleistungen aus, die für Deutschland neu sind. Ein Viertel der von der KfW Befragten bezeichnet die eigene Gründung als Start-up – viermal so viele, wie sich anhand einschlägiger Merkmale als Start-up einordnen lassen. Auch Künstliche Intelligenz trennt neue von etablierten Unternehmen: 24,9 Prozent der frühen Gründenden bewerten sie als sehr wichtig für Geschäftsmodell und Strategie, unter etablierten Unternehmer:innen sind es 15,6 Prozent.

Bürokratie belastet – Geld entscheidet

64 Prozent der KfW-Befragten erleben bürokratische Hürden oder Verzögerungen. Im Schnitt wenden sie 5,1 ihrer 24 Wochenstunden auf gesetzliche und regulatorische Anforderungen auf. Bei Gründungen mit Beschäftigten steigt der Aufwand im Vollerwerb auf 12,3 Stunden. Die GEM-Fachleute bewerten Deutschlands Rahmenbedingungen seit 2022 schwächer, im internationalen Vergleich liegt der Standort im Mittelfeld. Förderprogramme schneiden am besten ab, die schulische Gründungsausbildung am schlechtesten.

Die Chefin-Talk – Frauen, die Zukunft gestaltenTrotzdem greift es zu kurz, Bürokratie als alleinigen Gründungskiller zu sehen. Sie ist das häufigste Hemmnis, erhöht laut KfW aber die Wahrscheinlichkeit eines Planabbruchs nur leicht. Hohes finanzielles Risiko und Finanzierungsschwierigkeiten verdoppeln die Abbruchwahrscheinlichkeit fast. Auch Kundengewinnung wird für 57 Prozent zum Problem und hat sich binnen zwei Jahren mehr als verdoppelt. Sie rückt meist erst nach der Gründung in den Vordergrund.

Die Gründungslandschaft wird jünger, vielfältiger und digitaler. Ihr Wachstum beruht vor allem auf kleinen, vorsichtigen und nebenberuflichen Vorhaben. Sie verbreitern die unternehmerische Basis und ermöglichen risikoarme Experimente. Für mehr Beschäftigung, Innovation und Unternehmensnachfolge braucht es mehr Übergänge in den Vollerwerb, tragfähige Finanzierung und bessere Wachstumsbedingungen. Für 2026 erwartet die KfW eine ähnlich hohe Gründungstätigkeit – mit geringen Chancen nach oben und Risiken nach unten.

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Sabine Hockling

Die Chefredakteurin Sabine Hockling hat WIR SIND DER WANDEL ins Leben gerufen. Die Wirtschaftsjournalistin und SPIEGEL-Bestsellerautorin beschäftigt sich seit über 20 Jahren mit den Veränderungen unserer Arbeitswelt. Als Autorin, Herausgeberin und Ghostwriterin veröffentlicht sie regelmäßig Sachbücher – seit 2023 in dem von ihr gegründeten DIE RATGEBER VERLAG.