Die moderne Arbeitswelt als Belastung

Frau steht im Wald auf Lichtung

Die Verdichtung der Arbeitsaufgaben, Personalmangel, erhöhte Komplexität durch Digitalisierung sowie steigende Anforderungen im Dienstleistungssektor: Wie die moderne Arbeitswelt unsere Gesundheit beeinflusst, weiß der Psychologe Wolfgang Schneider.

Die Arbeitsbedingungen in unserem Zeitalter werden immer belastender. Zudem stellt die Verwischung der Grenzen zwischen Arbeit und Privatem eine zunehmend größere Herausforderung dar. Belastungen am Arbeitsplatz sind daher einer der Gründe, weshalb psychische Erkrankungen wie Burnout, Depressionen und Narzissmusstörungen immer häufiger werden.

Der Psychologe Wolfgang Schneider beleuchtet in seinem Buch Eine Gesellschaft zwischen Narzissmus, Hysterie und Abhängigkeit psychische Erkrankungen in Zeiten des Wandels und versammelt Reflexionen und Lösungsansätze, die dabei helfen, die komplexe Thematik fundiert zu bewerten: Wie beeinflusst der technologische Fortschritt und das Profitstreben unseres Wirtschaftssystems unsere mentale Gesundheit? Welche Rolle spielen Medikalisierungs – und Pathologisierungsprozesse, die Beschäftigte in die Arbeitsunfähigkeit treiben? Wo liegt das Potenzial im Gesundheitssystem, mehr für psychosoziale Belange zu tun? Diese und viele weitere Fragen beantwortet Schneider profund wie praxisnah.

Eine rasante, komplexe und widersprüchliche Entwicklung

Die globalisierte und digitalisierte Welt ist gekennzeichnet durch eine rasante, komplexe und widersprüchliche Entwicklung sowie die Tendenz zur Dramatisierung und Emotionalisierung – sowohl auf der Ebene der Gesellschaft als auch auf der Ebene der Menschen. Die Verschränkung von psychischen und sozialen Faktoren in ihren Auswirkungen auf den Einzelnen und auf die Gesellschaft zeigt Schneider vor diesem Hintergrund auf.

Die relevanten psychosozialen Themen sind dabei der Verlust oder die Bedrohung der Identität, depressive Probleme gepaart mit Unsicherheit sowie narzisstische Persönlichkeitsakzentuierungen. Die Dramatisierung und Emotionalisierung aller Ereignisse in der Politik sowie den Medien erinnern an hysterische Phänomene, die durch Unechtheit sowie Oberflächlichkeit beschrieben werden. Und wenn wir uns die Frage der Gültigkeit von Wahrheit, wie sie unter dem Trumpschen Diktum der Fake-News relativiert worden ist, vor Augen führen, scheint diese Interpretation zuzutreffen. Gerade die jüngste Erfahrung mit der Coronakrise legt einen besonderen Fokus auf diese Sichtweise. Die Unsicherheit über die reale Gefährdung durch das Virus und die damit verbundene Prognose für die Gesundheit der Menschen sowie der Gesellschaften führt dazu, dass entweder vorsichtige Haltungen seitens der Politik in Gang gesetzt und restriktive Einengungen auf allen möglichen Ebenen umgesetzt werden oder diese in machiavellistischer Art konsequent geleugnet werden.

Die Emotionalisierung erschwert eine Distanzierung auf einer rationalen Ebene

Mit den Motiven der unterschiedlichen politischen Vorgehensweisen befasst sich Schneider in Eine Gesellschaft zwischen Narzissmus, Hysterie und Abhängigkeit. Die Individuen zeigen Reaktionen, die von Ängstlichkeit über Anpassungsbereitschaft bis hin zu Protesten gegen die Einschränkungen und hysterisch anmutenden Verhaltensweisen sowie zu wahnhaft erscheinenden Verschwörungstheorien reichen. Die Emotionalisierung erschwert oftmals eine Distanzierung auf einer rationalen Ebene und bewirkt aufgeregte Reaktionen auf unterschiedlichen gesellschaftlichen Ebenen; diese machen eine kritische Bewertung von Ereignissen unmöglich bzw. erschweren sie. Unterstützt wird diese durch die Dramatisierung und den Alarmismus in den öffentlichen Medien und noch stärker in den sozialen Medien.

Wir sind der Wandel-NewsletterAus dem Wunsch nach Sicherheit angesichts der vielfältigen Verunsicherungen zeigen viele Menschen eine Orientierung an rechtspopulistischen Positionen sowie eine passive Versorgungshaltung. Dabei soll die haltgebende äußere Struktur den Mangel an eigener innerer Struktur ersetzen. Ergänzend kommen Maßnahmen des Gesundheitsversorgungssystems zum Tragen, die den Anspruch der Menschen nach Entlastung von den Alltagsanforderungen im Beruf oder im Privatleben durch beispielsweise Krankschreibungen, diagnostische und therapeutische Interventionen befriedigen. In diesem Prozess der Medikalisierung wird „normales“ Erleben und Verhalten unter die Handlungsmaxime der Medizin und Psychotherapie subsummiert.

Umorientierung des eigenen Wertesystems

Die psychosozialen Hintergründe von Medikalisierungsprozessen sind gesellschaftlich durch ökonomische und technologisch-wissenschaftliche Interessen sowie durch einen hohen Anspruch an die Gesundheit begründet. Auf der individuellen Ebene stellen passive Grundhaltungen und Versorgungsansprüche die Hintergrundmatrix für derartige Entwicklungen dar. Die Rollen der Politik, der Medien sowie des medizinischen Versorgungssystems arbeitet Schneier systematisch heraus.

Ferner diskutiert der Autor Lösungsansätze sowohl auf der Ebene der Politik, des medizinischen Versorgungssystems mit dem speziellen Fokus auf die Psychotherapie als auch auf die Individuen. Anhand von Beispielen sollen die Leserinnen und Leser so eine andere Perspektive auf die Sicht von psychischen Problemen und den Umgang mit diesen in unserer Gesellschaft erfahren. Das Ziel des Buches liegt darin, den Leserinnen und Lesern zu verdeutlichen, dass eine Suche nach den Gründen für Störungen des seelischen und körperlichen Wohlbefindens sinnvoll und möglich ist. Dabei liegen die Lösungen oftmals weniger in speziellen Unterstützungen durch Expertinnen und Experten, sondern oftmals eher in der Veränderung gesellschaftlicher Verhältnisse sowie der Umorientierung des eigenen Wertesystems.