Steigende Krankmeldungen und eine wachsende Akzeptanz des Blaumachens, besonders unter jungen Erwerbstätigen, spiegeln die gesellschaftliche Erschöpfung wider. Führungskräfte sind dabei keine Vorbilder – sie neigen selbst vermehrt zum Blaumachen und verstärken so den Teufelskreis der Kraftlosigkeit.
2023 untersuchte das Pinktum Institute die wachsende Wahrnehmung von körperlicher und mentaler Erschöpfung in der Gesellschaft. Es zeigte sich, dass ständige Krisen und politische Unzufriedenheit den Menschen ihre Kräfte rauben. 2024 erreichten die Krankmeldungen in Deutschland mit durchschnittlich 23 Tagen ein Rekordhoch. Ist dieser Anstieg eine weitere Folge der Erschöpfung unserer Gesellschaft? Das wollte das Pinktum Institute wissen und führte im Mai 2024 eine Umfrage unter 1.068 Erwerbstätigen durch – und fasste die Ergebnisse in der Studie „Heute bin ich krank“ zusammen.
Krankheitstage könnten weiter steigen
Fast ein Drittel der Befragten gibt an, häufiger und länger krank zu sein als früher. Ebenso viele machen gelegentlich blau, was vier von zehn Beschäftigten in Ordnung finden. Besonders locker sehen das die 18- bis 29-Jährigen (>50 Prozent) und die 30- bis 39- Jährigen (>63 Prozent). Im Vergleich dazu zeigen die Gen X (40 bis 49 Jahre, 32 Prozent und 50 bis 59 Jahre 13 Prozent) und die Babyboomer (16 Prozent Zustimmung) mehr Selbstdisziplin. Daher überrascht es nicht, dass sich die 25- bis 39-Jährigen am schnellsten krankschreiben lassen. Zudem geben 39 Prozent aller Altersklassen an, dass ihre Bereitschaft, krank zur Arbeit zu gehen, gesunken ist. Bei 34 Prozent ist die Bereitschaft gestiegen, sich bei leichtem Unwohlsein krankschreiben zu lassen.
Zwei bedenkliche Erkenntnisse lassen sich ableiten: Erstens könnte die Zahl der Krankheitstage weiter steigen, da die junge Generation eher zum Blaumachen neigt und der demografische Wandel voranschreitet. Zweitens treiben die wahrnehmbare Erschöpfung und Kraftlosigkeit die Krankschreibungen an.
Führungskräfte als zweifelhafte Vorbilder
Während 50 Prozent der befragten Führungskräften das Blaumachen für sich in Ordnung finden, sind es bei den Beschäftigten nur 28 Prozent. 41 Prozent der Führungskräfte haben bereits blaugemacht und ebenso stark ist ihre Bereitschaft gestiegen, sich bei leichtem Unwohlsein krankschreiben zu lassen.
Die Umfrageergebnisse spiegeln den Druck und die komplexe Rolle von Führungskräften wider. Der Druck von der Geschäftsleitung wächst, und auch die Ansprüche der Mitarbeitenden erhöhen den Leistungsanspruch an Führungskräfte. Im mittleren Alter ist zudem der Karrieredruck am stärksten. Unzufriedenheit und mangelnde Wertschätzung im beruflichen Umfeld rauben weitere Kräfte. Blaumachen als Flucht aus dem belastenden Alltag ist dann die Konsequenz und zugleich ein zweifelhafter Lösungsweg.
Zurück in eine kraftvolle Gesellschaft
Die Umfrage liefert vielfältige Lösungsinspirationen: Krisenbewältigung erfordert oft einen langen Atem und Resilienz – Eigenschaften, die Menschen als mentale Fitness erlernen und trainieren können. Wertschätzung sollte als Teil der Unternehmens- und Führungskultur gelebt und pflegt werden – sowohl im täglichen Umgang auf allen Ebenen als auch bei der öffentlichen Anerkennung von Leistung.
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Die Studie zeigt, dass soziale Aspekte die Einstellung zur Krankschreibung beeinflussen. 86 Prozent der Befragten fühlen sich gebraucht, und 83 Prozent sehen eine kollegiale Verantwortung bei sich. Dieses Pflichtbewusstsein belegt, dass starker Zusammenhalt Menschen resilienter macht. Und auch wenn das Homeoffice für viele ein wichtiger Vorteil ist, zeigt die Studie, wie wichtig Präsenz-Tage im Büro sind. Sie fördern persönliche Begegnung, Austausch und Zusammenhalt. Mitarbeitende für die Arbeit im Büro zu motivieren, ist daher ein weiterer Lösungsansatz, wenn er gut durchdacht ist. Reizvolle Pull-Faktoren erhöhen die Motivation.
Mit Teamlösungen Krisen bewältigen
Es gibt viele Gründe für den Rekordstand an Krankmeldungen in Deutschland. Da der Faktor Mensch besonders relevant ist, sollten Krisen mit einem neuen Führungsverständnis bewältigt werden. Im Klartext: Das Bild des Alleinentscheiders im Unternehmen ist nicht mehr zeitgemäß. Stattdessen sollte auf Empathie und Dialog gesetzt werden.