„Wichtig ist, sich darüber auszutauschen, was das neue Normal ist“

Großraumbüro

Zurück zu Strukturen wie vor der Pandemie kann es nicht geben. Dazu haben sich Mitarbeitende zu sehr verändert. Wie Unternehmen zum neuen Normal finden, weiß Sozial- und Organisationspychologe Kai Sassenberg.

Wir sind der Wandel: Corona schickte viele ins Home-Office, was Arbeitsweise und Arbeitsorganisation verändert hat. Jetzt kehren viele wieder an ihren Arbeitsplatz zurück. Welchen Herausforderungen müssen sich Mitarbeitende stellen?

Kai Sassenberg: Die, die für sich im Home-Office einen Arbeitsmodus entwickelt haben, finden aus ihrer Sicht im Büro schlechtere Arbeitsbedingungen vor. Sie haben sich einen Arbeitsrhythmus mit Pausenzeiten geschaffen, der ihren Bedürfnissen folgt. Die Herausforderung ist jetzt, sich wieder an die störenden Faktoren am Arbeitsplatz zu gewöhnen.

Wir sind der Wandel: Welche sind das?

Sassenberg: Zum Beispiel zu viele Meetings und Abstimmungsrunden, oder auch Konflikte, die im Home-Office ignoriert werden konnten. In Videokonferenzen ist es leicht, Problemen aus dem Weg gehen; im Unternehmen gestaltet sich das schon schwieriger. Dennoch müssen sich Beschäftigte wieder an das soziale Geflecht gewöhnen. Allerdings gibt es auch Mitarbeitende, die sich wieder auf die Arbeit im Unternehmen freuen. Und das sind nicht nur die, die aufgrund von Home-Schooling bzw. zu betreuenden Kindern das Home-Office verlassen wollen.

Weil wir alle im Home-Office jedoch auf uns zurückgeworfen wurden, wird die Erwartung an positive soziale Kontakte am Arbeitsplatz vor allem am Anfang möglicherweise nicht erfüllt werden. Der Schritt vom Home-Office zurück ins Büro lässt sich mit der Erfahrung von Mitarbeitenden vergleichen, die nach einem Auslandsaufenthalt zurück in ihre „alte“ Kultur kommen. Viele erleben dabei den sogenannten „umgekehrten Kulturschock“. Sie erwarten, dass sie in der alten Arbeitsumgebung nahtlos wieder anschließen können. Weil sich zwischenzeitlich aber Mitarbeitende und Organisation verändert haben, werden diese Erwartungen oft enttäuscht. So ähnlich kann es auch nach der Rückkehr aus dem Home-Office sein. Mitarbeitende haben sich in der doch langen Zeit im Home-Office verändert. Nun kommen sie zurück und denken, es ist wie bisher – aber alle anderen (und auch viele Organisationen) haben sich ebenfalls verändert.


Kai Sassenberg

 

Der Sozial- und Organisationspychologe Prof. Dr. Kai Sassenberg leitet die Arbeitsgruppe Soziale Prozesse am Leibniz-Institut für Wissensmedien und ist Professor an der Universität Tübingen. Er erforscht die menschliche Motivation im Kontext von Führung, Zusammenarbeit und Mediennutzung.


Die Eingewöhnung bei der Rückkehr aus einer fremden Kultur braucht meist genauso lange wie das Eingewöhnen in die fremde Kultur – was durchaus ein halbes bis dreiviertel Jahr sein kann. Deshalb ist anzunehmen, dass es jetzt ebenfalls einige Zeit dauert, bis sich Mitarbeitende wieder an die Arbeit im Unternehmen gewöhnt haben.

„Jeder sollte sich Gedanken darüber machen, was er sich wünscht und welche Befürchtungen er hat“

Wir sind der Wandel: Wie meistern Unternehmen diese Herausforderung?

Sassenberg: Da es nicht einfach möglich sein wird, zum Alten zurückzukehren, ist es wichtig, sich darüber auszutauschen, was das neue Normal ist. Wie viel Home-Office lässt man weiterhin zu? Was will man in der Zusammenarbeit, und was nicht? Damit man zu einer Lösung kommt, die von möglichst vielen getragen wird, ist jetzt wichtig, Wünsche und Befürchtungen offen auf den Tisch zu legen. Ohne diese Auseinandersetzung wird es schwierig, denn Führungskräfte und Unternehmen sind mit Beschäftigten konfrontiert, die nicht mehr zum Alten zurückkehren können – oder wollen.

Wir sind der Wandel: Sollten sich Mitarbeitende auf die Arbeit im Büro vorbereiten?

Sassenberg: Das hängt stark von der individuellen Situation ab. Weil es aber in der Natur der Sache liegt, Schlechtes wie auch Gutes zu vergessen, ist es sinnvoll, zu reflektieren.

Das heißt, jeder sollte sich Gedanken darüber machen, was er sich wünscht und welche Befürchtungen er hat. Auf keinen Fall sollte man denken, das wird schon.

Wir sind der Wandel: Was raten Sie Führungskräften im Umgang mit ihren Mitarbeitenden?

Sassenberg: Ich glaube, viele Führungskräfte denken, es wird wieder so wie früher. Ferner haben viele schmerzlich festgestellt, dass Führung auf Distanz sehr herausfordernd ist. Daher sollten sie sich klar machen, dass die Beschäftigten nicht mehr so wie vor der Pandemie agieren und funktionieren werden – zum Beispiel, weil sie im Home-Office viele Entscheidungen selbstständiger treffen mussten und konnten.

So eine Umbruchssituation ist immer auch eine Chance. Gab es beispielsweise vorher Probleme mit Abläufen o.ä., hat man jetzt die Möglichkeit, es anders, besser zu machen. Denn Gewohnheiten können bei Umbrüchen und mit zeitlichem Abstand leichter verändert werden. Jetzt besteht ohnehin schon zeitlicher Abstand zur Situation vor der Pandemie.

„Unternehmen sollten ihren Beschäftigten Zeit zum Eingewöhnen geben“

Wir sind der Wandel: Was tun, wenn Mitarbeitende nicht mehr im Büro arbeiten wollen, wenn sie eine innere Sperre haben?

Sassenberg: Es ging vorher, also wird es auch hinterher gehen – aber der Versuch, das zu erzwingen, kann natürlich Widerstand auslösen. Deshalb ist die Frage, wie viel Raum man seinen Mitarbeitenden gibt. Auf jeden Fall sollten Unternehmen ihren Beschäftigten Zeit zum Eingewöhnen geben. So kann man beispielsweise gemeinsam überlegen, wie viel gemeinsame Präsenz wichtig und erforderlich ist. International ist es bereits üblich, dass Mitarbeitende nicht mehr dauernd im Unternehmen arbeiten müssen. Da werden wir uns vermutlich auch hinbewegen, es dauert halt nur noch, bis es auch bei uns üblich ist.

Wir sind der Wandel: Sind Co-Working-Spaces oder das Desksharing Alternativen?

Sassenberg: Aus der sozialen Perspektive bewirken Co-Working-Spaces mehr Kommunikation und soziale Eingebundenheit, als wenn alle im Home-Office sitzen. Und weil Mitarbeitende nicht nur ihre Aufgaben erledigen, sondern auch informelle Dinge, muss man dafür Plattformen und Orte schaffen. Denn es ist ein großer Unterschied, ob man sich in der Kaffeeküche trifft, kurz bei der Kollegin vorbeigeht oder vom Home-Office agiert. Deshalb können Orte wie Co-Working-Spaces durchaus eine Alternative für Beschäftigte sein, die weder im Home-Office noch im Büro arbeiten wollen.

Einige Unternehmen praktizieren das Desksharing, bei dem innerhalb des Unternehmens weniger Arbeitsplätze als Mitarbeitende existieren. Das heißt, Beschäftigte haben keinen festgelegten Arbeitsplatz mehr, sondern suchen sich einen freien Platz aus, wann immer sie im Büro sind. Bringt man die Beschäftigten eines Teams aber nicht mehr zusammen, erzeugt man auch keinen Zusammenhalt. Auch droht die Gefahr, dass Mitarbeitende nicht mehr im Büro arbeiten wollen, denn da sitzen sie neben irgend jemanden. Hier die Organisation in den Köpfen der Mitarbeitenden präsent zu halten, wird schwierig.

Vor allem für Berufseinsteiger kann es problematisch werden, da sie in der Regel viele Unsicherheiten haben und deshalb mehr Ansprache benötigen. Ich kenne ein Industrieunternehmen, bei dem vor allem die jüngeren Beschäftigten mit dieser Umstellung Probleme hatten. Die älteren Mitarbeitenden hingegen verabredeten sich und fanden entsprechend ihre „Treffpunkte“ im Betrieb. Den Jungen aber fiel es schwer, täglich neben einer anderen Person zu sitzen.

Sabine Hockling

Seit vielen Jahren schreibt die Journalistin und SPIEGEL-Bestsellerautorin u.a. für die Medien ZEIT ONLINE, ZEIT Spezial, SPIEGEL ONLINE über die Themen Management, Arbeitsrecht und Digitalisierung. Als Autorin, Herausgeberin und Ghostwriterin veröffentlicht sie regelmäßig Sachbücher.